Ich wartete an die graue Außenhülle des Shuttles gelehnt, bis sich der Wind gelegt hatte, und ich zum ersten Mal einen klaren Blick auf das Fluggefährt meines Opponenten werfen konnte. Blitzblanker Chrom, nur vom Feinsten. Was hatte ich anderes erwartet?
Kurz darauf verließ Mister Blanchester jenen Stolz der neusten Flugtechnik. Der Mann sah genauso aus, wie ich erwartet hatte. Ein ältlicher, geleckter Agent in dunklem Anzug mit Aktenköfferchen und einer modischen Sonnenbrille auf der Nase.
Zumindest letztere hatte ich mir an diesem Tag auch gegönnt, obwohl der Himmel zugegebenermaßen wolkenverhangen war, und es sicherlich noch Regen geben würde. Ich löste mich von der Shuttlehülle und ging auf Blanchester zu.
Er ergriff meine ausgestreckte Hand und schüttelte sie heftig, während sein Gesicht sich zu dem verzerrte, was er wahrscheinlich sein freundlichstes Lächeln nennen würde. Mir kam es vor wie eine ölig gezogene Fratze. Wir waren Opponenten, das erwähnte ich schon.
„Mister Rivers“, sagte er betont freundlich. „Ich hoffe, Sie mussten nicht zu lange warten.“
„Oh nein“, beschwichtigte ich. „Nicht der Rede wert. Und nennen Sie mich ruhig Morgan, das ist ungezwungener.“
„Gut, Morgan... Moment, war Ihr Vorname nicht Jonathan?“
„Morgan ist mein zweiter. Ich bevorzuge ihn gewöhnlich.“
Mir war nicht entgangen, dass Blanchester natürlich darauf verzichtet hatte mir seinen Vornamen zu nennen. Wahrscheinlich würde er sein Bestes tun, mich so schnell wie möglich loszuwerden. Ich war ein Ärgernis für ihn, oder besser für seine Firma, eines der wenigen Dinge, das noch zwischen ihm und diesem Planeten stand.
„Ich habe mich schon ein wenig umgesehen, während ich auf Sie gewartet habe“, sagte ich.
„Ah, ja. Sie werden wahrscheinlich nicht sonderlich viel gesehen haben, nehme ich an.“
Ich rückte mit dem Zeigefinger meine Brille zurecht.
„Eine recht schöne Landschaft.“
„Finden Sie?“ Er rümpfte die Nase. „Nichts für meinen Geschmack. Aber gehen wir doch ein Stück weit.“
„Gern“, erwiderte ich bereitwillig und schlug eine Richtung ein, ehe er es mir abnehmen konnte. Im Grunde genommen wäre es ohnehin gleich gewesen, wohin wir uns wendeten. Die Vegetation auf Antalla 3 war außer in Polnähe überall dieselbe. Weite, beeindruckende Moore von überwältigender Schönheit. Wenn man den Sinn dafür besaß diese wahrzunehmen.
Die Shuttles waren an einer der wenigen Stellen gelandet, die trocken genug dazu waren. Antalla 3 war bisher beinahe unberührt von menschlicher Zivilisation. Es hatte einige wenige Besucher gegeben, den ein oder anderen, der versucht hatte mit dem Urvolk in Kontakt zu treten, doch weiter kaum etwas. Bis die Firma begann den Planeten aus ganz anderen Ursachen plötzlich sehr interessant zu finden.
Ich lenkte meine Gedanken in andere Bahnen und sah mich lieber in meiner Umgebung um. Wie konnte jemand wie Blanchester sich nur so völlig unbeeindruckt zeigen von der Schönheit, die uns umgab? Das Glucksen des Wassers, die unglaubliche Pflanzenvielfalt, die niedrigen Bäume, die aus dem morastigen Boden ragten. Insekten umschwirrten uns, von irgendwo vernahm ich den Ruf eines Vogels. Aber das allerherrlichste war die Luft. So frisch und frei von jeglichen Abgasen. Das hier war unberührte Natur, und verdammt, das gab es nicht mehr an vielen Orten.
„Warum interessiert sich die Umweltbehörde eigentlich für einen so weit entfernten Planten, Morgan?“ fragte Blanchester scheinbar beiläufig. „Habt ihr nicht mir der guten, alten Mutter Erde genug zu tun?“
„Viel zu retten gibt’s dort nicht mehr“, bemerkte ich trocken. „Vielleicht versuchen wir uns deswegen an anderen Welten.“
„Sie sind mir ein Weltverbesserer, Morgan. Wahrscheinlich muss man das sein, um im Umweltministerium zu arbeiten.“
Blanchester war sehr damit beschäftigt, seine guten Schuhe aus den Pfützen herauszuhalten. Mit einer gewissen Schadenfreude bemerkte ich, dass es ihm nicht gelang. Meine eigenen Tritte waren viel weniger bedacht, und doch fand ich immer wieder sicheren Boden unter meinen Füßen. Das schien meinen Begleiter fast ein wenig zu ärgern.
„Schauen Sie, Morgan“, sagte er gedehnt. „Die Firma ist ja durchaus bereit Ihnen ein Stückchen entgegen zu kommen.“
„Ach ja?“ Ich hob eine Augenbraue.
„Nun, Ihr Ministerium ist alles andere als schuldenfrei. Vielleicht können wir uns mit einer großzügigen Spende einigen? Selbst Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass die Rohstoffe dieses gottverlassenen Planeten dem Allgemeinwohl dienen würden.“
Leichtfüßig schritt ich über eine morastige Stelle. Fluchend sank Blanchester mit einem Fuß dort ein, wo ich eben noch festen Boden unter den Füßen gehabt hatte. Das ruinierte wohl nicht nur die Schuhe, sondern die teure Hose gleich mit.
„Gottverlassen, sagen Sie? Ich dachte, es gäbe eine eigene kleine Zivilisation hier?“
„Nichts mehr als primitive Wilde!“ versicherte er. „Menschenähnlich. Nur ihre Augen sind gänzlich aus einem leuchtenden Grün, wie die Lichter, die man manchmal im Wasser sieht. Die, die einen in die Irre führen. Und wir wollen diese Individuen auch gar nicht ausrotten. Nein, sie können sogar Erdenbürger werden, wenn sie bereit sind, sich anzupassen. Herrgott Morgan, diese Ureinwohner glauben immer noch an Ammenmärchen von Magie in den Mooren...“
Blanchester hatte vielleicht noch mehr sagen wollen, doch suchte er sich gerade diesen Moment aus, um das nächste Sumpfloch zu finden. Mit einem blubbernden Geräusch versank er bis fast zur Hüfte im morastigen Wasser. Ich blieb freundlicher Weise stehen und reichte ihm eine Hand, bevor er noch das Kunststück fertig brachte ganz zu versinken. Fluchend erreichte er trockenen Boden und begutachtete den nun gänzlich ruinierten Anzug.
„Verdammt, haben Sie nicht langsam genug von dem hier gesehen?“
„Nur noch ein kleines Stückchen, Mister Blanchester. Sagen wir... bis zu dieser Baumgruppe dort drüben?“
Grimmig stimmte er zu. Ich setzte mich wieder in Bewegung und ließ ihn reden.
„Das ist nur ein weiterer, unterentwickelter Planet, Morgan. Nichts, worüber Sie oder ich uns den Kopf zerbrechen müssten.“
„Was soll denn Ihrer Ansicht mit Antalla 3 geschehen?“
„Nun wirklich, wen kümmert das schon? Ich merke, Sie sind ein harter Brocken. Aber Sie werden sehen, die Firma ist äußerst spendabel. Wenn Sie sich erst einmal ein Bild von der Summe machen...“
Er verstummte. Wir hatten die Baumgruppe erreicht. Niedrige, weidenartige Gewächse, die man hier Kameri nannte. Drei Stück. Zwischen ihnen, ein kleiner, stehender See, dessen Oberfläche von Blättern, Schlick und Seerosen bedeckt war. Es roch leicht modrig, ein herrlicher Geruch in meiner Nase. Man hätte leicht auf den Gedanken kommen können, dass außer dem Regen jahrelang überhaupt nichts die Oberfläche dieses Sees aufgewühlt hatte, wäre da nicht die leblose Gestalt gewesen, die dort kopf unter im Wasser trieb.
Blanchester zeigte zu meiner Überraschung eine menschliche Regung. Von seinen Lippen drang ein entsetzter Laut, und dann begann er tatsächlich in das brackige Wasser zu waten. Interessiert legte ich meinen Kopf schief. Das hatte ich wirklich nicht gedacht.
Der See war nicht groß, und auch nicht wirklich tief. Darin zu ertrinken stellte wahrscheinlich eine Kunstfertigkeit an sich dar. Blanchester erreichte den Toten schnell und zog ihn in einem Anflug von seltsamem Heldenmut gen Ufer.
„Morgan! So helfen Sie mir schon!“
Ich riss mich aus meiner Erstarrung und ergriff die Schultern des Mannes. Gemeinsam schafften wir es die Leiche ans Ufer zu ziehen und umzudrehen.
Es war ein Mann mittleren Alters, er trug einen Anzug, Schuhe, Krawatte, so wie wir auch. Lange schien er noch nicht im See gelegen zu haben, wenn man berücksichtigte, dass die Fische und anderen Wasserbewohner ihn wohl ziemlich schnell als ziemlich lecker befunden hätten. Seine geöffneten Augen waren von einem tiefen Dunkelbraun. In stummer Anklage starrten sie in den wolkenverhangenen Himmel.
„Keiner der Einheimischen“, stellte ich fest.
„Um Gottes Willen!“ entfuhr es Blanchester. Seine Gesichtsfarbe konkurrierte gerade auf beeindruckende Weise mit der der Leiche. „Wer ist dieser Mann dann?“
„Vielleicht hat er einen Ausweis oder so dabei“, schlug ich vor.
Blanchester nickte heftig und begann die Taschen des Toten zu durchsuchen. Ihm schien gar nicht aufzufallen, dass ich nur daneben stand und ihn interessiert beobachtete.
Der Ausweis befand sich in der linken Innentasche des Sakkos. Mit zitternden Fingern holte Blanchester ihn heraus und wischte ihn an seiner Jacke trocken, damit er die Schrift lesen konnte.
„Was steht denn da?“ fragte ich.
„Rivers“, las Blanchester vor. Er brauchte einen Moment um zu begreifen, was genau er da gelesen hatte. Die Erkenntnis zeichnete sich jäh auf seinem Gesicht ab. Der Ausweis in seiner Hand begann zu zittern. „Jonathan Rivers vom Umweltministerium.“ Die Stimme war tonlos geworden. Sein Blick richtete sich langsam auf mich. „Aber wenn das hier Mister Rivers ist... wer sind Sie?“
Auf meinen Lippen bildete sich ein leichtes, überlegenes Lächeln. Mit einer betont langsamen Bewegung nahm ich die Sonnenbrille ab.
Blanchester keuchte auf, als er das erste Mal meine Augen sah. Grün waren sie, grün und leuchtend, wie die Lichter im Wasser.
Blanchester keuchte auf und zuckte von der Leiche zurück. Er war noch immer auf seinen Knien und dazu tropfnass. Ein erbärmliches Bild.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, mein Name ist Morgan.“
Blanchester kroch rückwärts. Auf den See zu. Ich folgte langsam.
„Was... was wollen Sie von mir, um Gottes Willen! Geld? Wollen Sie Geld?“
Ich fand es amüsant wie dieser Mann vor mir zitterte, ohne dass ich auch nur eine Waffe in den Händen gehalten hätte. Eben noch hatte er sich über die Geschichten von Magie im Moor amüsiert. Aber tief in seinem Inneren schien er doch daran zu glauben.
„Geld?“ Ich lachte höhnisch. „Kommen Sie mir und meinem Volk nicht mit Geld, Blanchester! Sie haben mir eben noch erzählt, was Sie aus meiner Heimat machen wollen!“
Der See begann zu blubbern, ein hektisches, warnendes Geräusch. Dicke Blasen stiegen vom Ufer auf und zerplatzten an der Oberfläche. Wieder und immer wieder. Blanchesters Blick schweifte unaufhörlich zwischen der Oberfläche und mir. Er konnte sich nicht entscheiden, welche die größere Gefahr war. Eingeklemmt war er ohnehin zwischen uns.
„Hören Sie, Morgan!“ winselte er. „Lassen Sie uns doch einfach noch einmal reden, ja? Wir kommen sicher zu einer Einigung, wenn wir nur...“
Etwas brach durch die Oberfläche und spritzte brackiges Wasser und Schlamm auf. Blanchester schrie auf, als Spritzer davon seinen Rücken trafen. Verzweifelt wirbelte er herum.
Das, was dort aufgetaucht war, hatte entfernte Ähnlichkeit mit Baumwurzeln. Triefend vor Schlamm und von einem rindenartigen Braun mussten sie aussehen, als wären sie geradewegs aus einem vom Blanchesters furchtbarsten Alpträumen entstiegen. Ein weiterer Schrei entfuhr der Kehle des schmierigen Mannes, und dann, endlich, kam ihm die Idee, dass er es doch lieber mit mir aufnehmen wollte, als mit dem Spuk aus dem Moor. Er wandte sich um und versuchte an mir vorbeizukommen, doch natürlich hatte ich damit gerechnet.
Ich brauchte noch nicht einmal viel zu tun. Ich sprang vor, versetzte Blanchester einen Stoß vor die Brust, der ihn zurück taumeln ließ. Zurück ins Wasser. Ein hohes Heulen erklang, als die Lichter zu leuchten begannen. Grün, grün unter dem Brackwasser.
Blanchester rutschte aus, fiel der Länge nach hin. Er war in einer Kakophonie der Hölle gefangen. Die Lichter waren überall um ihn herum, die Wurzeln hatten nur darauf gewartet sich um seine Glieder schlingen zu können.
Das Moor sang sein Lied. Die Schreie des Mannes mischten sich mit dem Heulen, dem spritzenden Wasser, dem Rauschen des plötzlich aufkommenden Windes. Immer und immer wieder zogen die Wurzeln ihn unter Wasser, seinen Körper, seinen Kopf...
„Reden wollen Sie?“ schrie ich über die Geräuschkulisse. „Ihre Zeit zu reden ist abgelaufen!“
Ich denke, er versuchte irgendetwas zu sagen, so genau konnte ich es nicht verstehen. Teile seiner Worte wurden immer wieder im Wasser erstickt.
„Jetzt hören Sie mir zu, Blanchester, und merken Sie sich jedes meiner Worte!“
Die Wurzeln ließen zu, dass sein Kopf über Wasser blieb. Die meiste Zeit über.
„Mein Volk hat eine Botschaft für Sie, Sie und Ihre Firma. Wenn wir auch nur einen von Ihnen jemals wieder auf Antalla 3 sehen, werden Sie sterben. Ist das klar? Schicken Sie Bewaffnete, sterben diese. Klar? Erwägen Sie auch nur eine Maßnahme gegen uns oder unsere Heimat, sind Sie der erste, der stirbt. Entfernungen sind nichts für mich. Verstecken Sie sich Lichtjahre von hier entfernt, wird Ihnen das gar nichts nutzen. Ich werde Sie finden. Sie, Ihre Vorgesetzten, Ihre ganze verdammte Firma. Klar?“
Meine Stimme hatte sich immer mehr erhoben, bis ich zum Schluss fast schon brüllte. Trotzdem hatte ich genau beobachtet, wie jeder meiner Fragen ein deutliches Nicken gefolgt war. Alles was ich brauchte. Die Wurzeln ließen ab von ihrem Opfer, so dass Blanchester ungelenk ins Wasser fiel. Das Getöse verstummte wie von Geisterhand. Nur meine Augen glühten stärker als zuvor.
„Und jetzt rennen Sie, Blanchester“, flüsterte ich in die Stille hinein, die nur von den keuchenden Atemzügen des Mannes durchbrochen wurde. „Rennen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.“ Eine kurze Pause, dann mein Schrei. „Jetzt!“
Das Crescendo begann erneut. Die Lichter, die Töne, die Luftblasen. Blanchester schrie. Seine Schreie übertönten alles. Aber er rannte. Als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her, hechtete aus dem Wasser und floh. Zurück zum Shuttle, nur fort aus diesem Moor, das er nie, nie wieder betreten würde.
Kurze Zeit später, als alles schon wieder still geworden war, und das Dröhnen der Motoren des teuren Fluggeräts des Firmenagenten längst verstummt war, atmete ich tief durch. Die Luft war wieder herrlich, vollkommen unberührt.
Mit einem leichten Lächeln zog ich die kleine Fernsteuerung aus meiner Tasche. Es war eine gute Idee gewesen, die Kabel als Wurzeln zu tarnen. Die Magie im Moor. Natürlich gab es sie, doch wäre sie wirklich stark genug dazu, die Menschen davon abzuhalten sich zu nehmen, was sie wollten? Schon vor langer Zeit hatte mein Volk begonnen, Magie und Wissenschaft zu vereinen. Die perfekte Symbiose. Die Menschen mussten das erst lernen. Wir hatten unsere Lektionen begriffen. Ob sie es jemals würden?
Ich verstaute die Sonnenbrille in der Innentasche meines Anzugs, und lockerte die Krawatte. An die Kleidung würde ich mich nie gewöhnen. Doch solange es Rassen wie die Menschen gab, war es auch nötig, dass solche wie ich existierten. Ich liebte meine Arbeit nicht. Doch irgendwer musste es tun.
Ich sprach ein stummes Gebet für den Mann vom Umweltministerium. Sein Tod war notwendig gewesen. Er hätte uns nicht geholfen, er hätte das Geld genommen. Dessen hatte ich mich vergewissert.
Noch einmal atmete ich tief durch, sog die Luft meiner Heimat in meine Lungen. Die Arbeit hier war getan. Auf einen telepatischen Ruf von mir erhoben sich die kleinen Elmsfeuer aus dem See und begleiteten mich zurück zu meinem Volk. Nach Hause. Fürs Erste.