„Stimulus“

 

„Trink, sage ich.

Trink, und du wirst es nicht mehr sehen.“

 

Fünf Minuten bis Tagesmodus. Fuentes Augen starren in die Dunkelheit. Er hält die Hände über der Brust gefaltet und wartet auf das Licht.

Wartet…

 

Seine Lippen haben die Sprödigkeit von feinem Sandpapier angenommen. Die Zunge klebt dick und heiß an seinem Gaumen. Nur noch Sekunden, denkt er. Und schon beginnt das Neon zu zucken. Klimpernd wird es Taghell im Room, und wie an Fäden gezogen steht Fuentes auf und beginnt sich anzukleiden.

 

Draußen beginnt das Leben wie auf Zuruf. Die großen Zubringerlifte füllen sich und stürzen kontrolliert in die Tiefe. Durch die dünnen, hellhörigen Wände hört Fuentes die Zuteilungsvorrichtungen in den angrenzenden Rooms aufseufzen. Die Nahrungsmittel- und Wasserausgabe für den Vormittag hat begonnen.

Das Geräusch der Zuteilungsvorrichtungen kommt einem irgendwann wie das Weinen eines Kindes vor, denkt Fuentes. Man geht immer hin, um es zu trösten.

 

Als er vor der kleinen Klappe steht, die in die kahle, pastellfarbene Wand eingelassen ist, bestürmen ihn für einen Augenblick Vermutungen über die Gegenwart.

Warum steht er vor dieser Klappe und kann nicht abwarten, dass sie sich endlich öffnet?

 

 

Als er den Pusher drückt, schwemmt das leise Seufzen der sich öffnenden Kunststoffklappe seine Bedenken hinfort.

Ein Plastikbecher stürzt aus der Halterung auf eine Ablage und bleibt zitternd darauf stehen. In den Leitungen gluckert es verheißungsvoll. Jeden Augenblick müsste seine Zuteilungsmenge in den Plastikbecher laufen.

Fuentes steht da und starrt auf die kleine Öffnung.

Die Sekunden dehnen sich endlos…

 

„Sagen Sie, was haben Sie da eigentlich gemacht?“

„Ich habe gar nichts gemacht“, sagt Fuentes. Der Installateur kniet vor der Zuteilungseinrichtung und hebt eine Wandplatte ab.

„Wie lange warten Sie hier schon?“, fragt er und zerrt lange Kabel aus der Wand.

„Ich weiß nicht.“ Fuentes ist selbst verwirrt. Wie lange hat er hier gestanden und auf die Öffnung gestarrt? Wer hat den Installateur gerufen? Wer hat ihn herein gelassen?

Eine Erschütterung lässt Fuentes erschrecken, und er schaut aus dem Fenster und sieht ganz in der Nähe einen Atompilz in den späten Vormittagshimmel aufsteigen.

Er fühlt sich seltsam bei dem Gedanken, dass ihm das sonst keine Angst macht. Während hinter ihm der Installateur mit seinen Werkzeugen klappert, schaut Fuentes in die Tiefe und sieht, wie ein Soldat einen Mann an den Haaren über den Asphalt schleift. Er spürt eine Gänsehaut im Nacken, als sich der Installateur neben ihn stellt und seinem Blick folgt.

„Irgendwann gewöhnt man sich dran, nicht wahr?“, fragt er lächelnd. Fuentes schaut ihn unsicher an und zuckt erschrocken zusammen, als er ganz in der Nähe das dumpfe Knattern einer Maschinengewehrsalve vernimmt.

„Die schon wieder!“ Der Installateur lacht und winkt ab.

„Wen die wohl diesmal mit in das Brain nehmen?“

„Das Brain“, flüstert Fuentes.

Der Installateur klopft auf die Fensterbank, als wäre es Holz.

„Es muss eben vorwärts gehen. Frisch auf, ihr Gleichen, das große Ziel erreichen.“

Fuentes nickt.

Der Installateur dreht sich zur Seite.

„Jedenfalls müssen wir die ganze Einheit austauschen. Ist ein Defekt an der Basis. Lässt sich nicht so einfach reparieren. Sie machen sich am besten auf den Weg zur Arbeit. Da wird man schon auf Sie warten.“

Fuentes zuckt zusammen, als wäre er kurz eingeschlafen und nun endlich erwacht.

„Ja“, sagt er und strebt hastig der Tür entgegen.

Suchen Sie einen öffentlichen Spender auf!“, ruft ihm der Installateur nach und greift sich an den schmutzigen Mützenschirm.

Vergessen Sie nicht, man muss viel trinken, bei der Hitze!“

 

Der Kreislauf des Lebens. So kann man es fast überall auf den großen Werbetafeln lesen. Ein geschlossenes Rohrleitungssystem ist zu sehen. Das durchsichtige Acryl macht den inneren, unaufhörlichen Strom des Wassers sichtbar.

An einem öffentlichen Spender, in einer Bahnhofshalle, drängen sich die Menschen und bekommen ihre Zuteilung. Fuentes zwängt sich an einem Kind vorbei und stößt es herzlos bei Seite.

Der Durst ist quälend.

Plötzlich wird er abgedrängt und findet sich hinter einer Palmenstaude wieder. Eingefallene Hände umklammern ihn, und eine staubtrockene Stimme lässt Fuentes erschaudern.

„Niemals trinken, hörst du? Niemals!“ Die Lippen des Mannes sind aufgesprungen, und da, wo das Fleisch von der Trockenheit aufgerissen ist, zeichnen sich dicke Wülste von dunklem Schorf ab. Einen Augenblick scheint es, als würde er direkt vor Fuentes tot zusammenbrechen.

„Ich habe drei Tage nichts getrunken“, sagt er und hustet.

„Der Speichel wird irgendwann so dick wie Öl.“

Fuentes versteht nicht, spürt nur den Durst und will sich losreißen.

„Ich muss zur Arbeit“, sagt er und schielt um die Palmenstaude herum zu dem Spender, an dem das Kind, das er eben noch zur Seite gestoßen hat, endlich seine Zuteilung erhält. Fuentes beneidet sie bis zum Hass.

Als ihm das klar wird, stielt sich ein seltsamer Glanz in seine Augen.

„Etwas ist in dem Wasser, nicht wahr?“

Der Verdurstende kichert wie wahnsinnig.

„Natürlich, Dummkopf. Etwas ist in dem Wasser. Es war schon immer etwas im Wasser.“

Über eine Lautsprecheranlage säuselt eine Bahnhofsansage, dass sich Juden, Mulatten und Kranke an den Bahnsteigen A, B und C einzufinden haben. Einige, die in der Bahnhofsvorhalle warten, greifen hastig ihr Gepäck und streben fröhlich kichernd dem höhlenartigen Gängesystem entgegen.

„Wie Ratten in einem Labyrinth“, flüstert der Verdurstende und zieht sie tiefer in die Verschattung, als Soldaten in die Bahnhofsvorhalle stolzieren und die Menschenmassen sondieren.

„Sie machen einen verrückt im Kopf“, sagt er, „und das, was man sieht, ist nicht das, was man sieht.“

Er klingt irre, und doch machen seine Worte für Fuentes einen Sinn. Der Durst hat ihn fast aufgefressen.

Als Polizeisirenen aufheulen, stürzt der Mann, ohne ein weiteres Wort aus dem Schatten heraus und taumelt davon. Er gestikuliert mit den Händen, brabbelt und wird von einigen Soldaten umringt.

Ohne Vorwarnung prügeln sie auf ihn ein. Zuschauer gesellen sich hastig hinzu, und Fuentes versucht einen Blick über die Schultern der Neugierigen zu erhaschen.

Eine Frau seufzt und fächelt sich frische Luft mit einem Postkärtchen zu.

„Irgendwann gewöhnt man sich dran, nicht wahr?“, sagt sie etwas gelangweilt und lächelt Fuentes verschmitzt zu.

Fuentes nickt.

„Ganz recht“, sagt er. „Daran gewöhnt man sich.“

 

Es ist das Brain, das sich wie ein verschlungenes Labyrinth auf dem Platz der Gleichen erhebt. Über die Fassade gleitet ein dünner Wasserfilm und lässt das Gebäude im Tageslicht wie einen Edelstein funkeln. Auf Fuentes wirkt es, als hätte er es nie so schön gesehen und gleichzeitig, nie so erschreckend. Den Durst schluckend, drängt er ins Innere, führt seine Identitätskarte durch die schmalen Schlitze an den Terminals. Die Fehlstunden werden automatisch von seinen Krediten abgezogen.

Er steigt in einen Lift und gleitet lautlos in die Höhe.

 

Wie Schläuche gleiten die Flure von dem Liftausgang in die Tiefe des Gebäudes davon. Auch hier ist alles, wie in Fuentes Room, leblos und kalt. Die Pastellfarbe der Flure erinnert an brüchige Eierschale, unter der sich feinste Äderchen abzeichnen.

Als er neben sich das Seufzen einer Zuteilungsklappe hört, wendet sich ihr Fuentes wie ferngesteuert zu.

Der Becher klappert auf die schmale Ablage.

Fuentes will sofort zugreifen.

Im letzten Augenblick bringt er seine Hand zitternd zum Einhalten. Seine Fingerspitzen berühren den Becher, in dem das Wasser sprudelt.

Er spürt den Durst wie einen festen Griff, der ihn an der Kehle umklammert hält.

Jemand steht plötzlich hinter ihm und tippt ihm auf die Schulter.

„Jetzt machen Sie schon!“

Fuentes wendet sich hastig ab.

„Ich bin zu spät“, ruft er über die Schulter und stolpert davon. „Ich komme zu spät!“

 

Fuentes setzt sich atemlos. Der Durst ist schon jetzt so stark, dass er kaum noch sprechen kann. Seine Hände gleiten über die Armlehnen, und er hat das Gefühl, dass er noch nie auf diesem Stuhl gesessen hat.

Alles beginnt sich aufzulösen. Jeder Blick ist neu und lässt jeden Gegenstand als einen anderen erscheinen.

Das ist kein gewöhnlicher Room, denkt er sich und schaut sich um. Wie oft er auch schon hier war, nie ist ihm dieser Room so kalt und herzlos erschienen, wie jetzt.

Es schnürt ihm die Kehle zu, als ihm das bewusst wird.

Wieso ist er hierher gekommen, fragt er sich. Wieso ist er nicht gelaufen, gelaufen bis zum Horizont?

 

Sein ganzer Körper strafft sich vor Anstrengung und Angst, als hinter ihm die Tür aufgeht und er das Ratschen von Gummisohlen hört. Das Geräusch kommt zielstrebig näher.

Fuentes hält den Blick gesenkt,

hört nur die Schritte.

Die Schritte wandern unaufhaltsam zu seinem Schreibtisch, der vor ihm steht. Ganz automatisch hat Fuentes nicht auf seinem Lehnstuhl Platz genommen, sondern sich hier auf den Verhörstuhl gesetzt. Er hat sich bereits mit Lederriemen den Brustkorb festgeschnallt und die linke Hand. Mit der Rechten nestelt er geistesabwesend an dem noch ungeschlossenen Riemen.

 

„Warten Sie, Fuentes, ich werde Ihnen helfen.“

Führsorglich kommt der Mann auf ihn zu und schließt für ihn den Riemen an der rechten Hand. Auch die anderen Riemen kontrolliert er und stellt fest, dass sie ordnungsgemäß angelegt sind.

„Vorbildlich wie immer, Fuentes. Wir können wirklich stolz sein, einen Mann wie Sie in unserer Abteilung zu haben.“

Fuentes starrt ihn an, als wäre er in einen Alptraum geraten, aus dem es für ihn kein Entkommen mehr gibt.

 

„Es ist alles eine Frage der Konditionierung, nicht wahr?“ Der Mann vor ihm hat sich gegen den Schreibtisch gelehnt und reinigt seine Fingernägel mit einer Nagelfeile.

„Sie haben gelernt, dass es gut für ist, hierher zu kommen. Und sie sind hierher gekommen. Sie wissen, dass man einem Läufer die Gurte anlegen muss, bevor man mit dem Verhör beginnt. Ganz ausgezeichnet Fuentes, ich hätte es nicht besser machen können.“

Fuentes versucht sich zu konzentrieren.

Was soll das heißen? Was soll das alles heißen?

„Ich habe das nicht gewollt“, flüstert er mit staubtrockener Stimme.

Der Mann legt ihm die Hand auf die Schulter und lächelt nachsichtig.

„Natürlich nicht, Fuentes. Natürlich nicht. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Sie sind hier“, sagt er leise und durchbohrt ihn mit eiskaltem Blick.

„Sie sind doch hier, nicht wahr?“

 

„Ich weiß es nicht“, sagt Fuentes und versucht ehrlich die Antwort auf die Frage zu finden.

 

Der Mann gegenüber öffnet eine lederne Tasche und breitet die Instrumente aus.

„Das werden wir gemeinsam herausfinden“, sagt er und geht zu einem Spender. Das Seufzen der sich öffnenden Zuteilungsklappe lässt Fuentes ganz tief in den Stuhl sinken.

Der Mann führt den Becher an die Lippen und trinkt das Wasser bis zum letzten Schluck.

 

„Morgen ist es wieder wie immer, Fuentes.

Der Bericht über ihr Verhör landet dann auf ihrem Schreibtisch“, er lächelt,

„wie immer, um acht, Fuentes.“

Er greift das Verhörbesteck und kommt langsam auf ihn zu.

 

Als Fuentes Schreie nur noch ein Wimmern sind, und er endlich weiß, dass er hier ist und dass es kein Entkommen gibt, da ist ihm das Flüstern des Mannes an seinem Ohr, wie die Antwort auf alle seine Fragen.

„IRGENDWANN GEWÖHNT MAN SICH DRAN, NICHT WAHR?“

Und er führt ihm einen Becher mit Wasser an die aufgerissenen und staubtrockenen Lippen, während Fuentes entsetzt seine freigelegten Handgelenke betrachtet.

 

„Trink“, hört er sein Flüstern, „und du wirst es nicht mehr sehen.“