HOLO-SAM

 

Das Holo konnte nur ein Spuk sein.

Der Datenkristall zeigte nicht das, was Perry Rhodan erwartet hatte. Nicht die Escher-Berechnungen.

Ein Positronikfehler?

Ein böser Scherz, der sich grobkörnig dreidimensional aufbaute?

Rhodan starrte in das Angesicht seiner Schuld.

Sam Weber!

Fast 3000 Jahre, seitdem Rhodan ihn zuletzt gesehen hatte, schwebte er dort als Datensatz aus kohärentem Laserlicht. Ein waberndes Interferenzmuster. Sein alter Kumpel Sam. Derjenige, der von Rechts wegen den Zellaktivator tragen sollte und dazu die Verantwortung für das Universum. Derjenige, dem Perry Rhodan ein unsterbliches Leben gestohlen hatte.

Das Herz des Residenten der Liga Freier Terraner pochte wild.

Zum ersten Mal in seinem langen Leben irrten seine Gedanken wie Seifenblasen im Wind, orientierungslos.

Der Resident setzte sich. Er ließ den Zeigefinger durch ein Sensorfeld des Hologramms gleiten. Sams Gesicht zoomte heran. Rhodan starrte ihm direkt in die Augen.

Lächelte der kleine Holo-Sam? Spöttisch?

Und Rhodan erinnerte sich. Es waren zwei Tage, bevor die Stardust starten sollte. Der 18. Juni1971.

Sechs Männer. Perry Rhodan, Mac CoyRyner, Reginald Bull, Clark Flipper, Dr. Manoli und Sam Weber. Drei von ihnen würden in zwei Tagen zum Mond fliegen.

Am Abend des 18.Juni verkündete man der Welt die Namen der Astronauten. Der US-Space-Force-Major Perry Rhodan war nicht dabei! Ersatzweise würde Sam Weber an Bord der Stardust sein. Weber war eindeutig zweite Wahl gewesen. Perry Rhodan würde als leitender Ingenieur den Flug vom Boden aus verfolgen.

Ein Befehl von ganz oben.

Rhodans Traum zerplatzte. Nicht er, sondern ein anderer Mann würde der erste Mensch auf dem Mond sein. Wer hätte das gedacht...?! Man nannte Rhodan einen Sofortumschalter, weil er umgehend auf eine Situation reagieren konnte – eine seltene Gabe, nützlich für eventuelle Störfälle während des Fluges. Und darauf wollte man verzichten?

General Stolt hatte ihn direkt aus der Stardust heraus an den Schreibtisch befehligt.

Rhodan nahm sich ein Herz und sprach mit dem General.

„Warum, General?“

„Weil ich es für richtig halte, Rhodan.“

„Sie wissen ebenso gut wie ich, dass ich der bewährtere Mann bin!“

Durch die Lamellen hinter dem General spießten Sonnenstrahlen in den Zigarrenqualm. Der Deckenventilator zeigte keine Wirkung.

„Ach ja?“ General Stolt runzelte die Augenbrauen und lächelte schwach.

Verdutzt schwieg Rhodan. Er war von sich überzeugt. Gegebenenfalls ein bisschen zu viel? Etwas zu arrogant? Zu sehr Ego?

„Okay! Sie sind der Beste für eine solche Aufgabe. Deshalb bleiben Sie hier. Der erste Flug ist viel zu gefährlich, um einen so guten Mann möglicherweise zu verlieren...“

„Und warum fällt Ihnen das erst zwei Tage vor dem Flug ein?“

„Ich habe meine Gründe dafür!“ Stolt musterte Rhodan. Süßliches Zwielicht. Flapp, flapp, der Ventilator. „Das ist ein Befehl!“

„Oder ist es wegen Ihrer Tochter?“ Dieser Satz war Rhodan entsprungen wie eine Ratte dem Käfig.

Es herrschte ein paar Herzschläge lang Stille. Dann nickte der Major und legte den Kopf schief. „Sie sind ein verdammt cleverer Mann... Sie werfen den Speck aus und warten auf die Mäuse.“

Der Teufel hatte Rhodan im Aufwärtsgalopp geritten. Was plante sein Unterbewusstsein? Die Vergangenheit hatte gezeigt, dass er sich auf seine Reaktionen verlassen konnte. Die Antwort stieg in ihm empor, wuchs zügig und er wusste intuitiv: Es war die korrekte Erklärung!

„Ihnen ist doch bekannt, dass Sam Weber ein Verhältnis mit Ihrer Tochter Miriam hat, oder...?“

„Nein, Rhodan... nein.... das weiß ich nicht.“ Stolt puffte die Zigarre in den Aschenbecher und stützte die Handflächen auf die Tischkante. Mit seinen hochgezogenen Schultern sah er aus wie ein Mann aus Stein, der jeden Moment bersten würde.

Rhodan fuhrt fort: „Sie wollen Sam Weber loswerden, nicht wahr?! Damit er die Finger von Miriam lässt. Wie Sie sagten, können Sie sich vorstellen, hoffen Sie vielleicht sogar, dass etwas schief geht, dass die Stardust...“

„Es genügt, Rhodan!“, Stolt atmete schwer, schob den Stuhl zurück und richtete sich auf. „Sie maßen sich zu viel an. Sie unterstellen mir...“

„Verzeihen Sie, Sir!“ Rhodan nahm Haltung an. „Das wollte ich nicht. Es war eine intuitive Reaktion.“

„Ja, mein lieber Sofortumschalter, darin sind Sie eine Kanone!“

Ein Synonym für Kanone ist Waffe, dachte Rhodan zähneknirschend. „Sir... es tut mir leid. Aber stellen Sie sich den schlimmsten Fall vor. Die Stardust kehrt nicht zurück. Könnte es dann nicht aussehen, als wenn Sie...“

„Bullshit!“, schnappte der General. Rhodan war erstaunt, wie schnell der alte Haudegen die Kontenance verlor. „Ich mache kein Hehl daraus, dass ich diesen Lackaffen Weber nicht mag, hab ich nie getan und ich werde ihm den Hals umdrehen, wenn er meine Tochter weiterhin anschaut, begrapscht oder was auch immer er macht... aber ich würde niemals, niemals... zulassen... ich, ich würde ihm den Hals...“ Der General sackte in sich zusammen. Plumpste auf den Stuhl zurück. Seine Handflächen rutschten in seinen Schoss. Schweißtropfen sammelten sich auf seiner Stirn. Und Rhodan erkannte:

Major Stolt glaubte ihm! Und er glaubte an das Schlechte in sich.

„Sie... Sie... sind ein Arschloch, Major Rhodan! Aber ein sehr kluges Arschloch!“ seufzte er. „Sie werden mir gewiss nicht sagen, ob Sie mich vor einem Fehler bewahren wollen oder ob Sie nur ein ziemlich gerissener Egoist sind.“

Rhodan wurde es kalt und heiß zugleich. Nein, er würde es dem General nicht sagen.

Lasst nicht meine Hirngespinste Euch um Eure Ruhe bringen!, zitierte sein innerer Jago. Verdammt, hier half auch Shakespeare nicht weiter.

Nach einer Weile verstockten Schweigens: „Abtreten, Rhodan! Sie hören von mir!“

Es kam, wie Rhodan vermutete: Sam Weber musste an den Schreibtisch.

Perry Rhodan flog zum Mond und es geschah nichts Ungewöhnliches, bis sie auf das arkonidische Raumschiff von Crest und Thora stießen, bis sie die Zeitgeschichte veränderten, bis sie die Dritte Macht aufbauten und er, Rhodan, zum Administrator der Erde, Gründer der Terranischen Weltregierung, später Gründer des Solaren Imperium wurde.

Für eine Weile schwiegen die Erinnerungen des Residenten. Dann wurde die innere Stille zu laut.

„Jeder, mein lieber Sam, verdammt noch mal j e d e r, wünscht sich die Unsterblichkeit!“ murmelte Rhodan zwischen zusammengepressten Zähnen. Der Holo-Sam schien aufmerksam zu lauschen.

„Nur ich, mein Freund Bully, Atlan, Gucky und noch ein paar andere, wissen, was dies wirklich bedeutet. Wenn der Schmerz des Lebens allgegenwärtig ist, bleibt nur noch Leere und Verantwortung. Dachtest du, ES hätte uns mit seinen Zellaktivatoren einen Gefallen getan? Dafür hat er uns durch das Universum gehetzt und wir sind wie die sabbernde Hunde hinter diesem Knochen hergelaufen, haben uns mal wieder auf sein verrücktes Spiel eingelassen. Ich habe die Nase voll von diesen Kosmokraten, diesen... Dreiviertelgöttern. Was – um alles im Universum – was fordert ES noch von mir? Wie sehen seine Pläne aus? Womit wird das alles enden? Verflucht – ich bin ein Fossil, Sam – ein dreitausend Jahre altes Fossil!“

Rhodan vernahm das jammernde Pathos in seiner Stimme, als gehöre sie einer anderen Person und konnte doch nicht schweigen.

„Warum hat ES mich mit sich genommen, erwählt sozusagen, damals, als ich ein neunjähriges Kind war und für einige Zeit bei Onkel Karl auf der Ranch lebte?! Warum nicht dich, Sam? Bin ich der passende Spielball für die Superintelligenz? Bin ich der perfekte Dummkopf? Kannst du dir vorstellen, wie es ist, von diesem Kosmokraten unendliche Zeiten lang... benutzt zu werden?!“

20.000 Jahre hatte ES ihm gegeben. 20.000 Jahre, um die Menschheit zu einer Superintelligenz zu entwickeln. Das, hatte ES gemeint, bedeute es, in kosmischen Maßstäben zu denken. Danach war die Neue Galaktische Zeitrechnung eingeführt worden.

„He, Sam! Es war, als hättest du einen Deal mit Gott gemacht. Wäre das dein Wunsch gewesen? Hättest du das Gegenstück des Faust sein wollen?“

ES hatte damals alles erklärt: Die unendliche Enttäuschung aller organischen Wesen, die von der Unsterblichkeit nur Großes und Schönes erwarten. Deren letzte Flucht in die Entstofflichung. Deren Freude, den Geist aus der Hülle des Körpers zu befreien.

Noch heute, 1345 Jahre später, liefen dem Residenten Schauer über den Rücken und das schwarze Loch der Zukunft, Sams Hologramm, die Erinnerung, alles gleichzeitig, wollten ihn aufsaugen.

Seit wann reagierte er so kindisch? So unprofessionell?

Weil ich dich, Sam Weber, vergessen hatte!

Hatte Rhodans Unterbewusstsein diese Sicherheitszone eingerichtet? Ja! Verdrängung nannte man so etwas, nicht wahr?

Was hätte Sam Weber an seiner Stelle getan?

Hätte er die Kraft gehabt, sich gegen die ganze bekannte Welt zu stellen, des Friedens willen? Den Mut zur Befehlsverweigerung?

Hätte er die Einsamkeit der Unendlichkeit ertragen?

Den Tod der Menschen um sich herum.

Mory, Suzan, Thora, ihr alle... ich werde euch nie vergessen!

Finitum non capax infinitum - das Endliche vermag das Unendliche nicht zu fassen!

Auch nicht die Trauer, den Verlust.

Ein Wunder, dass ich ihn nach 3000 Jahren überhaupt erkannt habe! Eigentlich ist das kaum möglich...

Vor den Augen des Residenten verwirbelte die Unterkunft und Gucky materialisierte. „He... was ist mit dir los? Du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet.“

Rhodan nickte und wischte sich die schweißigen Handflächen an seiner Uniform ab. Er deutete auf die holographische Gestalt.

„Sam Weber?“, fragte Gucky.

Rhodan nickte mit offenem Mund. „Du... du... weißt es....?!“

„Immer die gleiche Geschichte, mein Großer. Und wie üblich glaubst du, den General belogen zu haben...“

„Den…was? Woher…?!“

„Mensch Perry, du müsstest dich mal sehen. Aber mach dir keine Sorgen, der Retter des Universums ist bei dir.“ Der Nagezahn blitzte frech. „Wie geht es dir?“

„Ich bin völlig verunsichert. Ich bin nicht derjenige, der ich sonst bin! Ich habe damals gelogen. Ich habe meinen Freund verraten.. Er hätte der Großadministrator werden sollen. Er hätte Ritter des Ordens sein sollen. Vielleicht.... vielleicht hätte er die Antwort auf die Dritte Ultimative Frage gewusst...?!“

„Na klar, Großer! Und Icho Tolot ist eine Zwergmaus!“ Gucky nickte tröstend wie ein Irrenarzt. „Sei entspannt, mein Alter! Sam hat die Tochter vom Major geheiratet und machte Karriere. Er lebte 121 Jahren glücklich und zufrieden. Aber das habe ich dir mindestens schon vierzig mal erzählt. Und wieder wirst du es vergessen. Hauptsache ist, du bist mal wieder daran erinnert worden, wie wichtig deine Aufgabe ist...“

„Welche Aufgabe...?“, stöhnte der Resident. „Welche... verdammte... Aufgabe?“

„Deshalb bin ich in deine Privatsphäre eingedrungen!“, nickte Gucky. „Es gibt ein Problem. Du wirst benötigt.“

Im selben Moment schrillte der Alarm.

Die Trajan schüttelte sich.

Draußen loderte das Universum in irrlichterndem Feuer, die Schutzschirme brachen zusammen, ein Hitzestrahl stanzte eine Glutbahn in den Weltraum. Bevor die Feuerwalze das Schiff erreichte, teleportierten Rhodan und Gucky.

Sie materialisierten neben Bully. „Schön, dass du da bist, mein Freund!“ grinste dieser und drückte den Feuerknopf.