Geist der Vergangenheit
Siebter Mari im Dau'an Vierhundertachtundvierzig. Drei Tage.
Wie nahezu jedem Tagonen ging auch Nath Andar dieses Datum durch den Kopf. Er wurde mehr als jeder andere davon beeinflusst. Mehr als die Flüchtlinge, die von Tagon und den anderen Menschenkolonien flohen; die Soldaten, die seit zwanzig Jahren auf diesen Tag vorbereitet wurden und sogar die Orkanen, die ein völlig entvölkertes Reich Hedion vorfinden dürften; so einige Medien zu den sich verstärkenden Fluchtbewegungen aus dem Reich.
Erster Militärischer Ressort-Verweser Andar gähnte. Er schlief in den letzten Tagen selten und wälzte immer wieder die logistischen Probleme, die auf ihn einstürzten.
Seit der Ressortleiter Kiigar-Han sich vor kurzem das Leben nahm, war die Organisation und Ausführung des Zwanzigjahresplans auf ihn übergegangen.
Im wahrsten Sinne des Wortes ruhte nun auf seinen Schultern das Überleben der zweiten Menschheit; nachdem die erste - terranische - dies für sich nicht bewerkstelligen konnte. Heute wurde den Kindern noch von der ersten Menschheit erzählt, die das Gottesgeschenk Terra mit Füßen trat und daher von jenem Boden - dem Paradies - verstoßen wurde.
Seine Hände begannen wieder zu zittern, als er die Kaffeetasse auf dem ovalen Tisch abstellte, ein erstes Anzeichen darauf, dass er bald keine Kraft mehr haben würde, um noch weiterzuarbeiten. In den letzten Tagen, genauer gesagt, seit dem Selbstmord Kiigar-Hans und dem Übergang der Verantwortung auf ihn, geschah es oftmals, dass er Nacht um Nacht durcharbeitete, siebenundzwanzig Stunden am Tag.
Er atmete unregelmäßig und tief ein, wieder aus, versuchte, sich zu beruhigen und trat dann an das große Bürofenster, das ihm einen Ausblick auf die Hauptstadt Tagons, Pyleaux, gewährte.
Das in Anlehnung an eine antike Erdenhauptstadt errichtete Pyleaux wies die Form eines Vogels auf, der vom Esangila-Turm wie ein Pfahl mittig durchstoßen wurde.
Das pagodenartig konstruierte Bauwerk wurde auf einer Grundfläche errichtet, die die angestrebte Höhe des Gebäudes von fünf Kilometern erlaubte. Dafür mussten vor anderthalb Jahrhunderten lediglich mehrere Zehntausend Einwohner umgesiedelt werden.
Von Antigravfeldern und elektromagnetischen Spulen vor Wind geschützt und strukturell gestärkt, thronte das geistige Kind des Architekten und Baumeisters Cart-Kilopens seitdem hoch über der Hauptstadt des Reichs und gab, beinahe unabsichtlich, die soziale Hierarchie in diesem wieder. Oben die Politiker, die Admiralität - die Hohen -, unten die einfachen Soldaten, Arbeiter - die Niederen.
Nath Andar hielt sich auf dem vierten Höhenkilometer auf - symbolisch gleichzeitig Höhe- und Endpunkt der ihm möglichen Karriere - und sah auf die Stadt des Reiches herunter. Im anbrechenden Sommer verdeckten kaum Wolken die Aussicht.
Sein Blick wanderte vom hügeligen Treffpunkt der fernen Graslandschaften und des violett-blauen Himmels aus auf die sich in unzähligen Kurven windende Gordische Bahn, die mit ihren vielen Seitenstraßen und Abzweigungen diesen Namen wirklich verdiente. Die Bahn war wie das antike Forum Hedion, welches sie knapp passierte, oder die Konzilsvater-Kannan-Brücke über dem Lipa-See, ein Wahrzeichen der Stadt.
Von seinem Freund Maar wusste er, dass für die Instandhaltung allein des Forums und der Brücke über dem künstlichen, stadtmittig platzierten See mehrere hundert menschliche und Robot-Arbeiter jährlich abgezweigt werden mussten. Um die antiken Marmorböden des Forums zu polieren oder die Transal-Träger von Meerestieren zu reinigen.
Inzwischen kamen nur noch einige Dutzend zur Arbeit. Die restlichen Niederen wurden entweder in den letzten Jahren zum Militär zwangsverpflichtet, flohen aus dem Reich zu den Zweitwelten nahe des Kerns und im Schutz von Sagittarius-A, nahmen sich wie Kiigar-Han das Leben oder erschienen wie die Neo-Nihilisten einfach nicht mehr zur Arbeit, weil ihnen diese nur noch sinnlos und unnütz erschien.
Nath Andar machte sich vor, dass ihm derlei Gedanken zuwider seien, glänzte er doch immer mit Anwesenheit und Leistung, die ihm vielleicht eines fernen Tages, wenn er bereits alt und grau sein Leben fristete, erlauben würden, in die Liga der Hohen aufgenommen zu werden und seine unreinen zwei Namen zu einem zu verbinden. Dennoch beschlichen ihn manchmal, in einer dem Kräuseln der Nackenhaare gleichen erregenden Weise, Gedanken; gefährliche Gedanken.
Was, wenn die Neo-Nihis recht behielten? Dass die Orkanen so oder so jeden Quadratmeter auf Tagon zu glühender, zähflüssiger Schlacke bombardieren würden, ihre bisherigen Arbeiten somit ohne Sinn seien und ohnehin nur verleumderisches Beiwerk für eine Zivilisation waren, die bereits vor zwanzig Jahren hätte untergehen sollen - untergehen müssen? Was, wenn die Orkanen mit ihrem begonnen Genozid nicht eine Zivilisation auslöschten, sondern eine Plage? War der Mensch denn nichts weiter als das; auch und vor allem für die Völker, die er unterjochte?
Nath Andar sah weiter auf das Zentrum Pyleaux' herunter, beobachtete, wie sich die Gordische Bahn von Norden vorbeiwand am Lipa-See, über dem die Konzilsvater-Kannan-Brücke thronte, die das Forum Hedion mit dem Esangila-Turm verband.
Eine Kultur breitete sich vor Nath aus, die seit siebentausend Jahren Verderbtheit lebte und weitergab, in einer pseudo-feudalistischen Gesellschaft, in der man als Niederer, wie Nath, kaum mehr darstellte als eine günstige Alternative zu den Robotern und Androiden, die sich als eine unterste Kaste im gesellschaftlichen Gefüge etablierten.
Andars Blick glitt weiter und krallte sich schließlich am Großen Aufmarschplatz fest, auf dem Kanzler Kim-Ruuian gerade eine Ansprache hielt. Millionen von Soldaten, Kommandanten und Subalternen bereiteten sich im Moment auf einen Weg in den Tod vor.
Einen Weg, den Nath ihnen eröffnen würde. Nein, musste!
Er konnte nicht weiter hinuntersehen und schloss seine Augen.
Er keuchte.
Ihm wurde übel.
Ein Kloß begann sich in seinem Hals zu bilden, wollte ihm die Luftröhre abschnüren. Mit zittrigen, unsicheren Bewegungen, löste er seine Hände von der Haltestange am Fenster. Seine Fingerknöchel waren bereits weiß hervorgetreten, als er den Griff löste und bemerkte, wie sehr seine Hände schmerzten.
Alles schmerzte auf einmal.
Nicht im physischen Wesen, sondern im Geist. Gedanken von brennenden Ebenen. Im Leuchtfeuer der Sterne vergehenden Kapseln, die wie reife Galenen platzten und ihre Sauerstoff-Atmosphäre ins All entluden. Umgeben von den kristallisierenden Molekülen, die im Schein einer unbekannten Sonne glitzerten und funkelten, trieben auch Körper. Fürchterlich entstellt, mit aufgerissenen Augen, die einen Schmerz zeigten, der nie dagewesene Pein symbolisierte. Ein Schmerz, den man erlebt, wenn das eigene Blut beginnt zu kochen, man atmen will, es aber nicht kann und die wenigen Gase, die man noch in der Lunge hat, mit der Kraft eines Dampfhammer herausgepresst werden.
Nath erlitt einen Schwächeanfall, sackte zu Boden, konnte sich jedoch mit den Händen noch abstützen und übergab sich. Es war ein widerlich süßliches Gefühl, das Erleichterung verhieß. Als könnten all seine Gedanken, seine Schuldgefühle und Zukunftsängste die Brocken sein, die er gerade herauswürgte, mit einer solchen Kraft, dass seine Halsmuskeln sich verkrampften und er die beißende Magensäure bereits schmeckte.
Der Esangila warf einen Schatten auf ihn. Korporal Ikar Geißt hob den Blick und betrachtete das pagodenförmig errichtete Kunstwerk, das kilometerhoch über der Hauptstadt Pyleaux thronte, mit seinen glänzend polierten Außenfassaden das Licht der Sonne brach, wie es Seifenblasen taten. Die Antigravfelder und von elektromagnetischen Strömen durchfluteten äußeren Träger unterstützten durch ihre enormen Raumdeformationen und Energien den Effekt.
Ob Absicht oder Zufall war egal. Wirkung hatte es.
Allein seine schiere Höhe ließ den Turm bereits zum optischen Ankerpunkt aller städtischen Navigationsgeräte werden. Denn egal ob in den höchsten Gebäuden der Stadt, die lediglich an die neunhundert Meter reichten oder in den untersten Etagen der Multimillionenmetropole Pyleaux: Der Turm - benannt nach dem Wohnsitz des antiken Gottes Marduk - stellte wie sein mythisches Vorbild alle anderen Bauwerke im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten. Die Elektronik an Bord des Frachtgleiters, den Ikar Geißt flog, hatte alle Mühe, sich den ständig ändernden Lichtverhältnisse am Terminator anzugleichen, dem Punkt, an dem der gigantische Turmschatten sämtliches Sonnenlicht abdeckte, sodass den ganzen Tag in mindestens einem Viertel Pyleaux' Dunkelheit vorherrschte.
Der Soldat erreichte den Großen Aufmarschplatz mit seiner Fracht. Inzwischen wurde der Abend zur beginnenden Nacht und die Orbitalspiegel um Tagon drehten sich größtenteils ab, wie in Ehrerbietung der Dunkelheit, die sich in einem alten, zyklischen Reigen über die Oberfläche ausbreitete.
Ein Spiegel jedoch leitete geradezu trotzig das Sonnenlicht um und auf den Großen Aufmarschplatz, der inmitten der dunklen, lediglich durch Straßen- und Häuserlichter erhellten Metropole wie ein Fanal künftiger Ereignisse leuchtete.
Nur noch zwei Tage.
Unzählige Infanteriefahrzeuge, Orbital- und Tiefraumbomber und entsprechendes Bodenpersonal standen aufgereiht auf dem Platz beziehungsweise legten letzte Hand an die Gerätschaften. Langsam wurde auch das Licht des Renegaten-Spiegels geringer und die Szenerie verfärbte sich rot, wie ein kryptisches Zeichen.
Nachdem Korporal Ikar Geißt den Gleiter in einer dafür vorgesehenen Bucht parkte, wurde der Inhalt ent- und auf einen Trägerroboter geladen, der ihn zu einem Orbithüpfer bringen würde, um dann zu den großen Kreuzern und Zerstörern im Orbit transportiert zu werden.
Der Unteroffizier stieg aus dem Führerstand des spinnenähnlichen Gefährts. Er ging mit müden Schritten auf den Aufmarschplatz zu, auf dem Kanzler Kim-Ruuian mit einigen hohen Militärs von einem Podest finale Ansprachen hielt, die mitsamt dem Marschdekret des neuen Militärischen Ressortleiters Andar das Reich in knapp drei Tagen in den Krieg stürzen würden.
Rechts neben ihm schlurfte einer der Träger, beladen mit einem Ei, einer Deuterium-Tritium-Plasmabombe. Eine der gefährlichsten Raum-Raum-Geschosse, die Temparaturen von über fünfhundert Millionen Grad Celsius beschwören können. Nicht einmal Antigrav- oder hypermagnetisierte Schilde und Panzerungen hielten solchen Einwirkungen Stand.
In derartigen Momenten, wenn solche Waffen von einer KI in einem Roboterchassis, das den Eindruck eines geistig Zurückgebliebenen erweckte, befördert wurden, versuchte Geißt nicht an deren Zerstörungskraft zu denken, aber die Alternative war keineswegs angenehmer.
Nach einer letzten, im Halbschlaf verbrachten Nacht würde er am kommenden Tag - T Minus einundfünfzig Stunden vor Ablauf des zwanzigjährigen Waffenstillstands mit den Orkanen - auf die Intura versetzt werden, einem von neun Schulter-Tendern der Heimatflotte Tagons. Ikar blickte hinauf zum orange-roten Himmelsstreifen und stellte sich die enorme Massierung an Kräften vor, die gerade über der Heimatwelt schwebte: Dreiundneunzig Schlachtschiffe der Terminator-Klasse, einhundertsiebzehn schwere Rache-Kreuzer, dreihundertelf Geleitfregatten des Flanken-Typs, fünfhundertzweiunddreißig Riegel-Kanonenboote und fünftausendsiebenundzwanzig Raumjägergeschwader, stationiert in den vierhundertachtzehn Heimat- oder Schutz-Flottenträgern, auf Basen auf Tagon selbst oder den Dockmonden.
Eine Masse von annähernd zweihundertvierzig Milliarden Tonnen - verteilt auf kleine, klaustrophile Kapseln - schwebte über den Köpfen unzähliger Tagonen.
Eine solche Massenkonzentration, dass die Satelliten im Orbit neue Kurse, höhere Umlaufbahnen und veränderte Raumzeitgleichungen beachten mussten, um arbeitsbereit zu bleiben. Dennoch verzerrten die Schiffe die Raumzeit des Einstein-Universums derart, dass Feininstrumente falsche Bewegungen ausführten und Fabriken so über Stunden vornehmlich Ausschuss produzierten, zum trotz aller stochastischer Wahrscheinlichkeiten.
Doch plötzlich tat sich etwas, noch während Geißt zum Himmel blickte. Mehrere Sterne entstanden einfach vor seinen Augen und vergingen als Novae wieder. Sie wurden größer und häufiger und dann ...
... erschall die Alarmglocke!
Angriff!
In einer plötzlichen Aufregung - als hätte man alle militärische Disziplin verloren oder gar niemals besessen - wuselten die Anwesenden auf dem Drillplatz herum. Später würde niemand den sich ereignenden Vorfall erklären können - zumal ihn niemand überlebte: Einer der jungen Kadetten, der die Träger-KI eines Lastroboters steuerte - eine Absicherungsmaßnahme - geriet in Panik und betätigte einige falsche Schalter, so dass sich die Halteklammern lösten und ein Ei zu Boden fiel.
Da es zunächst nicht explodierte, dachte der Kadett noch, dass die interne Sicherung den Sturz glücklicherweise kompensieren konnte. Doch dann wurde ihm bewusst, dass Eier eine Zündungsverzögerung besaßen.
Nath Andar trat in die Katastrophen-Koordinierungs-Zentrale. Dieser ungenügend beleuchtete, lediglich von den hellen Bildschirmanzeigen in ein schummeriges Licht getauchte Raum erzeugte eine dramatische, holofilmreife Kulisse für die folgenden Worte eines Subalternen: "Ressortleiter Andar: Eine orkanische Flotte ist aus dem Überraum getreten. Unsere Orter zählen bislang knapp neuntausend Einheiten. Viele unserer Raumer greifen sie eigenmächtig an und werden von ihnen aufgerieben, aber ... ", der Offizier hielt sich in einer überflüssigen Geste die Hand an das Kopfteil seines Hörgeräts, " ... ansonsten vernehme ich keine Attacken ... und sie senden allem Anschein nach einen Funkcode."
"Identifizieren", forderte Nath Andar die entsprechende Stelle auf, während er in die Mitte des ringförmigen Raums, zum zentralen Holotisch, trat und von einer plötzlichen Erschütterung beinahe zu Boden gerissen wurde.
"Was war das?!"
Eine junge Frau meldete sich zu Wort: "Es war der Große Aufmarschplatz, Leiter. Anscheinend ging ein strategischer Sprengkopf versehentlich hoch."
Noch während Andar sich bewusst machen wollte, wie viele Leben mit diesem Satz als ausgelöscht galten, drängte eine weitere Stimme nach Gehör:
"Ressortleiter, wir konnten den Code identifizieren: Es ist das Siegel des diplomatischen Kanals, der vor zwanzig Jahren während der Waffenstillstandsverhandlungen benutzt wurde."
"Wird nur der Code gesendet oder noch mehr?", verlangte Andar zu wissen als er den mittigen Holotisch, um den die höher gelegenen Arbeitsplätze angeordnet waren, endlich erreichte und sich daran festklammerte.
"Ja, sie senden auch eine Botschaft. Ich gebe es zur Übersetzung."
Eine schwere und alte Stimme schloss sich kurz darauf mit einem wild gestikulierenden Sprecher an: "Ich konnte nicht den exakten Wortlaut übersetzen, aber der Inhalt lautet in etwa: Wir, die wir als Orkane bezeichnet werden, wollen ... Nicht-Kampf. In ihrer Sprache etwa gleichbedeutend mit ... Frieden."
Die nächsten Sekunden schienen sich zu dehnen. Das gesamte Universum zog sich für Nath in diesem Moment auf jenen Raum im Esangila-Turm zusammen.
"Frieden?"
Nath konnte - nein wollte! - es nicht glauben.
Zwanzig Jahre lang erzog man ihn in Hinblick auf diesen Tag. Zwanzig Jahre spukte die Bedrohung, die von den Orkanen ausging, durch die Köpfe, wie ein Geist der Vergangenheit. Und nun? Nein! Es musste ein Übersetzungsfehler sein, eine zufällige Anomalie in der Übertragung, die ein falsches Wort einschleuste! ... oder es war wirklich so.
Nicht-Kampf. Frieden. Zwanzig Jahre lang bereitete sich das Reich Hedion und das Konzil von Tagon auf einen allesumfassenden Krieg gegen einen unmenschlichen, da außerirdischen Feind vor, aber die Möglichkeit, den winzigen Keim Hoffnung auf Frieden - Nicht-Kampf - erwog niemand von ihnen.
Nath Andar, der Militärische Ressortleiter und durch den Tod des Kanzlers höchster politischer Reichsvertreter, sah, dass die kommenden Tage das soziale Gefüge, wie es sich in der letzten Generation etablierte, vollständig aus den Angeln heben würden.
Alles war nun möglich!