Helden
Schweigend gingen die beiden Kundschafter nebeneinander her. Sie wanderten zum ersten Mal miteinander. Der Jüngere war erst vor kurzer Zeit freigesprochen worden. Am Morgen, als sich der erste Flaum an seinen Wangen abzeichnete, wurde er dem Älteren zugewiesen, damit er alles lernen konnte, was dieser wusste. Der Ältere war ein erfahrener Jäger und Kundschafter, der schon viele Wanderungen erlebt hatte. Der Jüngere würde wahrscheinlich der letzte Jäger sein, der von ihm lernte. Der Ältere würde bald sterben, das spürte er.
Die Beiden wanderten nun schon seit sieben Lichtern, auf der Suche nach Nahrung; Nahrung, die der Stamm so dringend brauchte.
In der letzten Zeit war der Stamm größer und größer geworden, so dass sie immer mehr jagen mussten, um alle zu ernähren. Dabei waren die Wanderungen zunehmend länger geworden. Einmal war der Ältere über vierzig Lichter unterwegs gewesen, bis er etwas Essbares gefunden hatte.
Der Stamm hatte nun beschlossen, Kundschafter auszusenden, um eine bessere Heimat zu finden.
So waren die Beiden also aufgebrochen, um mit wenig Proviant, einer Keule und einem Speer die Zukunft für den Stamm zu suchen. Anfangs säumten noch viele Artefakte ihren Weg, große eckige Felsen, mit schroffen Kanten, die einst von den Göttern geschaffen worden waren. Niemand wusste, wie alt diese Artefakte waren, aber einige boten dem Stamm Schutz, da man in ihnen wohnen konnte.
Je weiter sie gingen, desto weniger dieser Artefakte bekamen sie zu sehen und sie fragten sich, ob es nicht ein schlechtes Zeichen war, dass die Gegend offensichtlich von den Göttern gemieden worden war.
„Subraumshuttle X7 an Raumhafen: erbitten Landeerlaubnis.“
Nichts!
„Subraumshuttle X7 an Raumhafen: hören Sie mich?“
Wieder nichts!
„Jerin, versuchen Sie es weiter auf allen Subraumfrequenzen, während ich näher ran gehe.“
„Okay, Captain, Sir!“
Captain Jal Harmond korrigierte den Kurs des Shuttles, so dass sie direkt auf einen großen schwarzen Himmelskörper Kurs nahmen.
Captain Jal Harmond war Jerins großes Vorbild; auch jetzt noch, wo er schon ein sehr alter Mann war. Captain Harmond war der erste Mensch im Hyperraum gewesen, als er noch jünger war, sehr viel jünger. Aber er war mit seinen silbernen Schläfen, seinem schlohweißen Bart und seiner gegerbten Haut immer noch einer der attraktivsten Männer in der Flotte. Captain Harmond war mittlerweile im Range eines Admirals, aber niemand kam deshalb auf die Idee, ihn mit seinem korrekten Rang anzusprechen. Er hatte mittlerweile sogar selber das Gefühl, dass der Captain bei ihm wohl eher ein Namensbestandteil geworden war. Captain Harmond ließ es sich auch nicht nehmen, immer noch selbst Piloten auszubilden wenn seine Zeit dies zuließ. Jerin war am Anfang überhaupt nicht mehr zu beruhigen, als sie erfuhr, dass sie von Harmond persönlich ausgebildet werden sollte. Captain Jal Harmond, der große Held.
„Jerin, was machen Sie da? Schlafen Sie?“
„Nein Sir, Captain Harmond! Entschuldigung! Ja Sir, ich habe geträumt.“ stammelte Jerin.
„Hör Sie zu, Sie sind zwar wahrscheinlich mein letzter Rekrut, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das hier ernst ist.“ ermahnte sie Harmond.
„Wir beobachten das Objekt schon etwas länger, aber seit heute ist es in Reichweite. Zuerst dachten wir, es handele sich um einen Asteroiden. Dann entdeckten wir, dass es einen sehr großen Metallanteil haben muss. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was wir da haben. Und dabei wird nicht geträumt! Klar?“
„Klar, Captain, Sir,“ murmelte Jerin und war froh, dass das rote Kabinenlicht ihr weitere Peinlichkeiten ersparte.
Der ältere Kundschafter blieb plötzlich stehen und zog den Jüngeren zu Boden. Er konnte noch warnend grunzen, dann begann die Steppe zu beben. Der Ältere hatte das schon oft erlebt. Manchmal wurde einem nur ein wenig schwindelig und man wusste gar nicht genau, was eigentlich gerade passierte. Manchmal aber, so wie jetzt, musste man sich flach auf den Boden legen, weil alles um einen herum wankte und schaukelte. Wenn man stehen blieb, konnte es sein, dass man sich bei solch einem schweren Beben verletzte, sich vielleicht sogar einen Knochen brach. Ein Knochenbruch war eine gefährliche Verletzung, von der sich nur Wenige erholten. In der Heimat gab es zwei alte Jäger mit gebrochenen Beinen, die kaum noch laufen konnten, weil die Knochen nicht wieder richtig zusammengewachsen waren. Manchmal entzündete sich ein Bruch auch, und dem Priester blieb nichts anderes, als das gebrochene Glied zu entfernen. Hier draußen würde ein Knochenbruch mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod bedeuten.
Also zog er den Jüngeren mit sich und sie pressten sich flach in das Steppengras, um das Beben abzuwarten.
„Captain Harmond, ich bekomme keine Reaktion.“
„Ist in Ordnung, Jerin. Der Scan hat auch nichts ergeben. Wir gehen runter.“
Harmond brachte das Shuttle in eine Umlaufbahn über dem Objekt. Sie konnten es jetzt mit bloßem Auge erkennen. Es sah tatsächlich aus, wie ein Himmelskörper. Wie ein kleiner schwarzer Mond. Wenn man aber genau hinsah, konnte man sehen, das es sich um einen künstlichen Himmelskörper handeln musste. Jerin erkannte erstaunt, dass unter ihnen die mattschwarze Panzerung eines riesigen kugelförmigen Schiffes hinweg zog. An vielen Stellen war die Panzerung von Meteoriteneinschlägen vernarbt; tiefe Krater, an deren Rändern sich geschmolzenes Metall aufwölbte.
Nichts in dieser Panzerung wies auf eine aktivierte Verteidigung hin, also brachte Captain Harmond das kleine Shuttle noch tiefer in eine stationäre Umlaufbahn über den Raumhafen. Fahle Positionslampen zeigten gespenstisch die Lage des Hafens an, markierten Einflugschneisen und Hangars.
„Ich bin mir sicher, dass die Hangars eben noch geschlossen waren.“ Harmond ließ den Scanner nicht aus den Augen.
Er aktivierte einen Funkkanal: „Flotte! Wir gehen runter und sehen uns das mal an. Alle Schiffe bleiben auf Position.“
„Seltsam,“ flüsterte Jerin, „was mag denen da drüben passiert sein, dass sie sich nicht melden?“
„Ich hab keine Ahnung, aber ich werde es rausfinden. Wenn´s sein muss, auch zu Fuß.“
„Der große Weltraumheld, Captain Jal Harmond, Bezwinger des Hyperraums.“ dachte Jerin.
„Sie sollen nicht träumen!“
„Entschuldigung, Captain, Sir!“ sagte Jerin.
Das Beben war vorüber, und der Jüngere half dem Älteren auf die Beine. Er hatte wieder eine wichtige Lektion gelernt, aber er musste noch darüber nachdenken, warum man sich bei einem Beben auf den Boden legte. Dankbar blickte er den Älteren an. Dann schnaubte er kurz, als sie sich umarmten. Der Ältere klopfte ihm auf die Schulter, schüttelte ihn heftig und schlug ihm dann mit der flachen Hand auf die Schulter. Fast hätte er dem Jüngeren die Schulter ausgerenkt, aber der Jüngere verstand nicht, warum er das tat. Der Jüngere sah seinen Lehrer erschreckt an, dann setzten sie ihren Weg über die Steppe fort.
Sie liefen lange nebeneinander her. Der Jüngere beobachtete aufmerksam die Welt um sich herum, ob er Anzeichen für ein erneutes Beben entdecken konnte. Beim nächsten Mal wollte er seinen Lehrer zu Boden ziehen. Er wollte, dass der Ältere stolz auf ihn war.
Plötzlich sah der Jüngere ein Grasbüschel, das sich sonderbar bewegte. Blitzschnell stieß er seinen Speer ins Gras, um wenig später dem Älteren ein totes Tier zu überreichen. Der Jüngere hatte für Nahrung gesorgt, zum ersten Mal, seit sie unterwegs waren. Der Ältere lächelte ihn an. Er war stolz auf ihn.
Kurz darauf war es wirklich der Jüngere, der seinen Lehrer zu Boden riss, denn kaum hatte der Ältere das Tier am Gürtel befestigt, begann der Boden wieder zu beben. Starr vor Angst lagen die Beiden nebeneinander im Gras und beobachteten, wie sich vor ihnen der Boden öffnete.
Captain Harmond aktivierte die Verteidigungssysteme, steuerte das Shuttle in den Raumhafen und brachte es vor einem der Hangars zum Stehen. Das Schiff hatte den Boden kaum berührt, als sich vor ihnen ein riesiges Tor öffnete. Sofort brachte der Captain das Schiff wieder in eine sichere Höhe.
„Scanner!“ befahl er.
„Nichts, Captain!“ erwiderte Jerin. „Da scheint einfach nur ein tiefes, ziemlich großes Loch zu sein, eine Einflugschneise oder so etwas. Weiter nichts.“
„Sehr seltsam,“ murmelte Harmond.
„Jerin, geben Sie mir einen Zugriff auf die Datenbank und machen Sie eine Breitbandsonde klar, mit Kom-Modul. Es könnte sein, dass...“
Mehr konnte Jerin nicht verstehen. Harmond hatte den Neurohelm aufgezogen und sich direkt und tief mit der Datenbank verbunden. In diesem Zustand war er nicht mehr ansprechbar. „Breitbandsonde“ war sein letzter Befehl gewesen. Jerin machte sich über die Konsole her. Ihr war noch nie klar gewesen, warum die Kontrolle des Schiffs nicht ebenfalls auf Neurohelm umgestellt worden war. Eine Sonde würde in direkter Kommunikation viel schneller programmiert sein, als durch einen externen Eingriff. Jerin atmete tief ein, füllte die Sonde mit allen relevanten Programmen und startete sie.
Voller Panik umklammerte der Jüngere den Älteren, aber auch dieser zitterte am ganzen Körper. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie gesehen, wie sich der Boden öffnete. Es gab Überlieferungen von den seltsamsten Dingen, Bilder, die man an eine Wand zeichnete, aber keines von ihnen zeigte eine solche Erscheinung.
„Ich hab´s!“ Jal Harmond riss sich den Helm vom Kopf.
„Jerin,“ verkündete der Captain, „das hier scheint was Antikes zu sein. Wir mussten damit rechnen, aber dass wir tatsächlich eins davon finden, ist unglaublich.“
„Captain, ich komme gerade nicht mit. Leider haben wir nur einen Neurohelm,“ sagte Jerin.
Die Sonde war im Loch verschwunden und Jerin wartete auf Ergebnisse, die selbstverständlich auf der Konsole eintreffen würden.
„Jerin, das hier ist wahrscheinlich etwas, das man früher, vor sehr langer Zeit, ein Weltenschiff nannte.“
„Ein was?“ fragte Jerin erstaunt.
„Was bringen die euch auf der Akademie eigentlich bei?“ fragte Jal erstaunt.
„Weltenschiffe waren bis vor einhundert Jahren theoretisch die einzige Möglichkeit, interstellare Entfernungen zurückzulegen. Praktisch wurden sie nur für eine kurze Periode in der irdischen Geschichte benutzt. Zehn Schiffe wurden losgeschickt. Das waren richtig kleine Hohlplaneten mit mehreren tausend Menschen Besatzung, die mit der besten und neuesten Technik ausgestattet wurden, über die man damals verfügte. Diese Schiffe wurden darauf programmiert, Sonnensysteme zu entdecken, anzusteuern und wenn es soweit war, die menschliche Saat für eine neue Zivilisation auf einem Planeten abzusetzen. Später hat man sich aber darauf besonnen, doch lieber zuerst unser eigenes System zu terraformieren und zu besiedeln.“
Plötzlich wurde der Ältere steif wie ein Stein, als sich sehr langsam eine Kugel aus dem Boden schob. Er senkte seinen Blick und begann leise und voller Demut zu summen. Das mussten die Götter sein, es gab keinen Zweifel.
„Captain, Sir, Sie meinen, da drin lebt jemand?“
„Das wissen wir nicht, Jerin. Vergessen Sie nicht, dass diese Schiffe seit etwa zehntausend Jahren unterwegs sind. Die Tatsache, dass ein Raumhafen noch funktioniert, garantiert nicht, dass die Zivilisation in diesem Ding überlebt hat.
„Können wir da rein?“ fragte Jerin neugierig.
„Ihr haltet mich zwar alle für den größten Weltraumhelden aller Zeiten, vergesst aber anscheinend ganz gerne, dass ich nicht wahnsinnig bin. Vielleicht sind die da drin mittlerweile viel weiter als wir. Wir werden warten, was die Sonde sagt.“
Als der Ältere begonnen hatte zu Summen, hatte der Jüngere sogleich mit eingestimmt. Doch dann erkannte er die Möglichkeit, die sich ihm bot. Was war ein kleines Tier gegen eine solche Gefahr. Er würde sich und den Älteren retten, und dafür würde dieser ihn vielleicht als Mann anerkennen.
Der Jüngere bewegte sich sehr langsam, nahm seine Keule und schlich auf die Kugel zu, die vor ihnen schwebte. Dann sprang er auf und schlug die summende Kugel mit einem kräftigen Hieb zu Boden. Sie gab noch ein paar seltsame Geräusche von sich, versuchte sich zu bewegen, doch nach ein paar kräftigen Schlägen, schien alles Leben aus ihr gewichen zu sein.
Stolz blickte sich der Jüngere um.
Es dauerte sehr lange, bis der Ältere aufstand und den Jüngeren ratlos ansah. Wenn es kein Gott war, dem sie begegnet waren, was war es dann? Oder war der Jüngere etwa mächtiger als die Götter?
Der Ältere und der Jüngere beschlossen umzukehren. Sie mussten den Stamm warnen, niemals wieder in diese Richtung zu wandern.
„Captain, Sir! Die Sonde antwortet nicht. Sie scheint verschwunden zu sein.“
„Wie verschwunden?“ Captain Harmond schien unsicher, fast panisch.
„Captain, Sir. Die Sonde hatte gerade Kontakt aufgenommen, als das Standardprotokoll plötzlich abbrach und die Sonde einen Angriff meldete. Das Letzte, das hereinkam, war die Meldung ihrer Zerstörung.“ Jerin versuchte, einen sachlichen Bericht abzugeben, aber ihre Stimme begann zu beben.
„Captain, wir sollten...“
„Wir sollten zusehen, schnellstmöglich weg zu kommen. Die da drinnen sind uns überlegen. Und ich werde nicht zulassen, dass sie da rauskommen.“
Captain Jal Harmond beschleunigte das Shuttle und öffnete dann einen Funkkanal:
„Flotte - Zielerfassung!“
„Feuer!“