Einspruch, Euer Ehren

 

Als ich die Augen öffnete, glaubte ich meinen Sinnen nicht zu trauen. Wo war die vertraute Umgebung meines Schlafzimmers geblieben?

Der karge Raum wurde von schmucklosen weißen Wänden begrenzt, ich selbst fand mich auf einem harten Holzstuhl sitzend wieder. Vor mir stand ein hölzernes Schreibpult, ein weiteres befand sich auf der anderen Seite des Zimmers. Auf einer leicht erhöhten Ebene direkt vor mir entdeckte ich einen querstehenden Tisch.

Als aus dem Nichts zwei weitere Personen erschienen, stöhnte ich leise auf. Wer trieb hier sein Spiel mit mir? Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass die zwei Männer zu einer Filmszene aus einem klassischen Western zu gehören schienen.

Dann füllte sich das Zimmer. Eine der weißen Wände verschwand und gab den Blick auf ein nur geisterhaft erkennbares Publikum frei. Bei den von den Zuschauern ausgehenden, nur gedämpft wahrnehmbaren, Zisch- und Knacklauten stellten sich mir die Nackenhaare auf. Eine jähe Erkenntnis durchzuckte mich. Diese Zuschauer waren keine Menschen, sondern eine höchst unappetitliche Ansammlung von Wesen, die wie riesenhafte Kakerlaken aussahen.

Mein Verstand protestierte lauthals, gaukelte mir sogar einige Sekunden lang die Illusion vor, dass ich in einem Filmstudio aufgewacht wäre.

Dann wurde zu meinem Entsetzen das Publikum sichtbar und hörbar. Es klackte, zirpte, zischte und röhrte, dass mir das Blut in den Adern gerann. Dazu breitete sich ein widerlicher Gestank nach gerösteten Insekten aus. Anscheinend erwartete diese Ansammlung von widerlichen Käfern eine gute Show und hatte sich mit Insektenpopcorn eingedeckt.

 

Dies konnte nicht die Erde sein, ich war auf einem fremden Planeten, ich war von Außerirdischen entführt worden!

 

Bevor ich noch weiter mit meinem Schicksal hadern konnte, ergriff der auf der erhöhten Ebene direkt vor meiner Nase thronende Cowboy, der wie mit seinem überdimensionalen Schnauzbart wie eine Wiedergeburt von Wyatt Earp aussah, die Initiative.

Er sah mich scharf an, erkannte, dass ich wach war und brüllte dreimal „Ruhe“.

Das Zischen und Klacken nahm jedoch eher noch an Lautstärke zu, das Publikum schien den Schnauzbärtigen zu ignorieren. Mit ungläubigem Entsetzen beobachtete ich nun, wie der Westernheld mit unbewegtem Gesicht einen alten Colt Peacemaker ans Tageslicht brachte, ihn gegen die Decke richtete und dreimal den Abzug durchzog.

Bereits beim ersten Schuss hatte ich mich mit einem beherzten Sprung vor den zu erwartenden Querschlägern unter das hölzerne Pult in Sicherheit gebracht.

Endlich war Ruhe. Ich krabbelte vorsichtig unter dem Pult hervor und warf einen schnellen Blick an die Decke. Meine Furcht vor Querschlägern war unbegründet, denn die weißen Wände hatten die Kugeln offensichtlich absorbiert. Meine Befürchtung, dass mein Gehör unter dem infernalischen Lärm der drei Schüsse gelitten hatte, bestätigte sich ebenfalls nicht, denn ich konnte den trockenen Schlag hören, mit dem Wyatt Earp mittels eines kleinen Hammers die Versammlung eröffnete.

„Zum Aufruf kommt die Sache Vereinigte Welten der Galaxis gegen die Erde, vertreten durch den Pflichtverteidiger Mister Bone. Herr Staatsanwalt, bitte verlesen Sie die Anklage!“

Er rückte seinen Waffengürtel zurecht und setzte sich umständlich hin.

Ich war in einer Gerichtsverhandlung gelandet und sollte die Erde verteidigen! Das konnte diese morbide Insektenbrut doch nicht ernst meinen!

Ich musste etwas tun, nahm also meinen ganzen Mut zusammen, sprang auf und rief lauthals, wie ich es gelernt hatte: „Einspruch, Euer Ehren!“

Sofort bereute ich meinen spontanen Entschluss, denn Wyatt Earp warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Was will er denn jetzt schon, Mister Bone? Warte er erst einmal die Anklage ab! Einspruch abgewiesen!“

Dann legte er seinen Colt so auf den Tisch, dass die Mündung auf mich zeigte.

Erschrocken setzte ich mich wieder hin.

Der Staatsanwalt, der nach seinem Äußeren ein direkter Nachfahre von Billy the Kid sein musste, stand auf und las mit atemberaubender Geschwindigkeit seine Anklage vor:

„Diejenigen Wesen, die auf einer Welt, die sich Erde nennt, leben, verhalten sich wie unzivilisierte Barbaren und sind dabei, ihren Planeten zu ruinieren. Die galaktische Geschichte zeigt, dass sie damit eine Bedrohung für alle zivilisierten Welten darstellen, denn eines Tages werden sie ihre Welt verlassen und andere Planeten zugrunde richten. Der Gesamtheit der galaktischen Völker steht nur eine äußerst begrenzte Anzahl von Planeten zur Verfügung, auf denen Leben möglich ist. Es gilt daher, die Ressourcen der Vereinigten Welten zu bewahren und vor Plünderern zu schützen. Die Erde ist daher schuldig eines Verbrechens, strafbar gemäß Artikel 2,7, und 10 der galaktischen Verfassung. Die galaktische Gemeinschaft hat in ihrer Verfassung festgelegt, dass solche Welten präventiv unter Vormundschaft zu stellen sind. Ich beantrage daher, die Regierungen der Erde zu entmündigen und der Erde einen Vormund zuzuweisen.“

Wyatt Earp, der sich in diesem merkwürdigen Verfahren als der Richter bezeichnete, nahm die Ausführungen zunächst mit unbewegter Miene zur Kenntnis, nickte dem Staatsanwalt nach dem Verlesen der Anklageschrift jedoch wohlwollend zu.

Dann erteilte er mir das Wort: „Pflichtverteidiger Bone, was hat er dazu zu sagen?“

„Das Verfahren ist ein Skandal, Euer Ehren. Ich wurde anscheinend im Schlaf von meiner Welt entführt und bin erst in diesem Gerichtssaal wieder zu mir gekommen. Wo bin ich überhaupt? Ich hatte keinerlei Zeit, mich auf das Verfahren vorzubereiten. Außerdem lehne ich den Richter wegen Befangenheit ab, er hat dem Staatsanwalt zugenickt.“

Befangenheitsanträge waren nach meiner Erfahrung immer gut, verzögerten sie doch das Verfahren ungemein.

Meine Worte lösten beim Richter einen Tobsuchtsanfall aus. „Was bildet er sich ein?“, brüllte er. „Befangen, lächerlich. Das Verfahren wurde korrekt durchgeführt. Diese mündliche Verhandlung wurde drei Jahre lang im Gerichtsblatt des galaktischen Gerichtshofs angekündigt, die Ladung hing anschließend noch ein Jahr lang im Gerichtsgebäude öffentlich aus und ist damit ordnungsgemäß bekannt gegeben.

Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, in diese lächerliche Maske zu schlüpfen, damit er nicht erschrickt, wenn er meine wahre Gestalt sieht. Ein anderer Richter auf Xenos, dem galaktischen Justizzentrum, wäre nicht so rücksichtsvoll gewesen! Außerdem ist die galaktische Regierung davon ausgegangen, dass die Menschheit zu stupide ist, um eine Anklage vor dem galaktischen Gerichtshof zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb wurde er, Mister Bone, der nach den uns vorliegenden Funksignalaufzeichnungen als bester Strafverteidiger seiner Welt gilt, als Pflichtverteidiger bestellt und mit einem ultraschnellen Transportstrahl, den ein Mensch bei Bewusstsein nicht überlebt hätte, hergebracht. Einspruch abgewiesen! Ich eröffne die Beweisaufnahme!“

Der Staatsanwalt wandte mir sein glattrasiertes Babyface zu und fragte mich mit lauerndem Unterton in der Stimme: „Stimmt es, dass auf der Erde Tiere massenhaft getötet und gegessen werden? Stimmt es, dass der Mensch Fauna und Flora rücksichtslos ausbeutet?“

„Wir brauchen Nahrung und müssen essen. Der Mensch ist auf eiweißhaltige Nahrung angewiesen“, entgegnete ich arglos.

Billy the Kid grinste zufrieden. „Die typische Antwort einer grenzenlos überheblichen Spezies, die ihr Wohl über das des ganzen Planeten stellt.“

Mit schneidender Stimme stellte er seine nächste Frage: „Stimmt es, dass auf der Erde Menschen andere Menschen wegen lächerlicher Streitigkeiten verletzen oder sogar töten?“

Ich wollte dagegen protestieren, gleichzeitig Verteidiger und Zeuge der Anklage zu sein, besann mich dann aber doch des Colts des Richters.

„Ja, aber . . .“

„Danke, das genügt. Stimmt es, dass auf der Erde Menschen andere Menschen unter Zufügung von unerträglichen Schmerzen foltern, nur um fragwürdige Geständnisse aus ihnen herauszupressen?“

Das Zischen und Klacken aus dem Zuschauerraum flackerte wieder auf. Ich glaubte, die Empörung des Publikums spüren zu können. Nach einem wütenden Blick des Richters war schlagartig wieder Ruhe.

„Dies wird auch auf unserer Welt als Verbrechen betrachtet!“, antwortete ich diesmal vorsichtiger.

„Warum tut dann niemand etwas dagegen?“, schnitt er mir das weitere Wort ab.

„Stimmt es, dass auf der Erde sogar gezielt ganze Völker ausgerottet werden?“

Ich überlegt fieberhaft. Ich musste verhindern, dass die Erde in einem Schnellverfahren verurteilt wurde.

„Wir haben die Vereinten Nationen, um dagegen einzuschreiten!“

„Mit welchem Erfolg, Mister Bone? Sind eure Regierungen so kraftlos, dass sie keinen Erfolg haben oder wollen sie vielleicht nicht wirklich dagegen einschreiten, weil sie ähnliche Ziele verfolgen?“

Die Zuschauer begleiteten seine Worte mit einem lautstarken Reiben ihrer Chitinpanzer.

Was sollte ich dazu sagen? Ich schwieg, was der Staatsanwalt mit einem triumphierenden Lächeln quittierte.

„Stimmt es, dass die Menschheit plant, den Weltraum zu erobern? Unsere letzten Auswertungen der Langstreckensensoren zeigen, dass Menschen bereits ihren Trabanten und den Nachbarplaneten besucht haben?“

„Man kann uns doch nicht verbieten, friedlich unsere Umgebung zu erforschen“, begehrte ich auf.

„Also ja“, kam es zurück.

„Danke, Herr Staatsanwalt“, meldete sich der Richter wieder zu Wort. „Die Antworten entsprechen dem, was unsere Polizeitruppen vor Ort bereits ermittelt haben. Dabei haben sie auch eine bemerkenswerte Abneigung der Menschen gegen unsere Spezies vermerkt. Ich schließe daher die Beweisaufnahme. Es folgen die Schlussplädoyers. Bitte, Herr Staatsanwalt.“

Billy the Kid stand im Angesicht des sicheren Sieges selbstzufrieden auf.

„Hohes Gericht, die Beweisaufnahme hat gezeigt, dass die aktenkundigen Vorwürfe zutreffend sind. Ich beantrage daher, die Erde unter Vormundschaft zu stellen und den sofortigen Vollzug anzuordnen.“

Er warf mir einen geringschätzigen Blick zu und setzte sich wieder.

„Herr Pflichtverteidiger, bitte!“

„Hohes Gericht, das Verfahren ist der Schwere der Anklage nicht angemessen. Ich möchte daher nochmals meine Sicht der Dinge darlegen. Die Verurteilung der Erde wäre ein vorschneller Akt, bei dem viele entlastende Fakten nicht berücksichtigt würden!“

„Einspruch, Euer Ehren“, ertönte da die schneidende Stimme des Staatsanwaltes.

„Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen, der Verteidiger will das Verfahren nur hinauszögern.“

Der Richter fuhr mit einer Hand durch seinen mächtigen Schnurrbart, nahm den Colt in die andere Hand und drehte die Waffe nachdenklich hin und her.

„Eine tödliche Waffe, nicht wahr? Ist es wahr, dass Streitigkeiten auf der Erde in einem sogenannten Duell entschieden werden, die regelmäßig mit dem Tod eines Menschen enden? Geht es dabei nicht auch um Nichtigkeiten, wie z.B. um die sogenannte Ehre oder um die sogenannte Liebe zu einem Weibchen?“

„Diese Zeit ist längst vorüber, Euer Ehren. Eure Informationen scheinen veraltet zu sein. Die Menschheit hat sich weiterentwickelt. Der wilde Westen ist längst Geschichte!“

Mir kam ein Gedanke.

„Wie lange liegen die Ermittlungen der Polizeitruppen denn schon zurück?“

Ich spürte sofort, dass ich ins Schwarze getroffen hatte, denn der Staatsanwalt wurde ein wenig weißer im Gesicht. „Das tut nichts zur Sache“, blaffte er mich an. „Die Erde ist ein Planet von Wilden, die sich zum Herrscher über die Galaxis aufspielen werden, sobald sie den überlichtschnellen Antrieb erfunden haben!“

Meine Chance riechend hakte ich nach. „Also, wann wurden die Ermittlungen abgeschlossen?“

„Vor etwas mehr als 130 Jahren. Der galaktische Gerichtshof ist durch die Vielzahl der Verfahren hoffnungslos überlastet. Es handelt sich um die durchschnittliche Verfahrensdauer.“ Die Antwort kam vom Richter, der Staatsanwalt wandte demonstrativ seinen Blick von mir ab.

„Euer Ehren“, begann ich, „in den letzten hundert Jahren hat die Menschheit an Reife gewonnen. Wir haben internationale Organisationen und die Regierungschefs treffen sich regelmäßig, um unnötige Kriege zu verhindern. Die Situation hat sich dramatisch gewandelt. Ich beantrage daher, die galaktischen Polizeitruppen erneut mit der Aufklärung zu betrauen und danach die Erde neu zu bewerten.“

Ich bezweifelte zwar, dass die gegenwärtige Situation die Regierung der Galaxis beruhigen würde, musste aber bluffen. Ich konnte nur hoffen, dass diese überheblichen Insekten auf der Erde nicht auch das Pokern gelernt hatten.

„Einspruch, Einspruch, Einspruch“, krähte der Staatsanwalt. „Das ist ungehörig. Der Verteidiger beleidigt mit seinen Ausführungen das Gericht.“

Der Richter sah mich lange und durchdringend an. Sein mächtiger Schnauzbart zitterte.

„Beim Studium der Akten sind mir unerklärliche Diskrepanzen zwischen den Berichten der Polizeitruppen und den Auswertungen der aktuellen Funksignale aufgefallen, die den Vortrag des Verteidigers als möglich erscheinen lassen. Im Zweifel ist der Angeklagte berechtigt, ein neues Ermittlungsverfahren zu beantragen. Dem Antrag des Pflichtverteidigers wird daher stattgegeben. Die Sache wird um hundert Jahre vertagt. Die Polizeitruppen werden erneut ermitteln. Herr Staatsanwalt, ich darf beim nächsten Verfahren um mehr Sorgfalt bei den Ermittlungen bitten. Die Ladung für die nächste mündliche Verhandlung wird rechtzeitig zugestellt werden. Die Verhandlung ist geschlossen!“

Er schlug mit seinem Hammer auf den Tisch und der ganze Gerichtssaal löste sich vor meinen Augen auf.

Ein Gerichtsdiener erschien und geleitete mich auf ein Raumschiff, das mich wohlbehalten in meine Heimat zurückbringen würde.

Erleichtert und stolz genoss ich den langen Flug von Xenos auf die Erde. Ich wusste nicht, was die Aliens auf diesem Planeten für eine Lebenserwartung hatten. Mich persönlich würde die nächste Verhandlung nicht mehr betreffen, ich würde sie garantiert nicht mehr erleben.

Aber ich hatte im Alleingang den ganzen Planeten gerettet, obwohl ich nur in einer Unterhaltungsserie den Anwalt spiele und diese einfältigen Insekten mich nur aus meiner Fernsehserie kennen konnten!