DER SCHLITZER

 

1.

„Ich lasse mich nicht jagen wie Vieh.”

Olsens wartete auf die Entscheidung seiner Gefährtin. Meehrah warf einen Stein ins Wasser der umwucherten kleinen Oase. Wellenmuster spiegelten sich auf ihrem zarten, dunkelhäutigen Gesicht..

Sie lachte rauh.

„Die Wahl zwischen Hölle und Verdammnis. Ich habe dir das Motorrad besorgt und muss zurück zur Mine. Sie brauchen mich. ”

„In der Wüste sterben oder verschleppt werden”, sagte Olsen. Schlank und blond kämpfte er mit nachteiligen Genen.

Über die Hügel hallte Maschinenlärm. Schwarzuniformierte mit verspiegelten Helmen jagten lärmend über noch kalten Sand.

„In genau einem Jahr komme ich zurück und warte. Zehn Tage.”

„Ich werde da sein”, entgegnete Meehrah und warf ihr Motorrad an.

Skeptisch beäugte Olsen sein Gefährt mit den ausladenden Spezialhalterungen für Kanister. Die einzige Chance durch die Wüste.

Mit gewagten Manövern hängten sie ihre Verfolger ab. An der Grenze zur Grossen Dürre, die jegliches Leben in die Knie zwang, blieb Meehrah kurz stehen und winkte Olsen hinterher. Hier trennten sich ihre Wege.

*

Die Sonne kitzelte vertraute Gebirgszüge. Letzte Ausläufer des Canyon. Das Motorrad stockte. Der flüchtige Minenarbeiter klopfte gegen die Tankwand.

Leer.

Während er den vorletzten Reservekanister ansetzte, verspürte er tiefe Einsamkeit. Bohrer Olsen würde nie wieder zurückkehren. Sein loses Mundwerk brachte ihm zuerst die Bewunderung der Kollegen und dann die Versetzung nach Voord ein. Auf Deelor der Weg ohne Wiederkehr.

„Wie nennen die das Zeug?”, überlegte er.

Der Tank war voll - noch ein Kanister übrig.

„Ur-, Ur-, Uran. Ja, eine Uranmine. Die verrecken da wie die Fliegen, hört man.”

Selbstgespräche hielten aufrecht. Vor Einbruch der Dunkelheit sollten Santfrants Lichter - angeblich die letzte freie Stadt - dem Wanderer entgegen leuchten.

Bis dahin reichte der Sprit - so war es gedacht.

Als Sterne spärlich funkelten, ging das Benzin aus und Olsen zu Fuß. Hungriges Knurren durchdrang die Nacht. Olsen zückte links die Taschenlampe.

Vor ihm Reflexe fünf grauer Augenpaare. Mit der Rechten griff er zum Gewehrschaft, der griffbereit aus der geschulterten Ledertasche ragte. Aus dem Dunkel sprang ein Wolf und verbiss sich im rechten Oberarm.

Mit der Taschenlampe drosch Olsen auf dessen Schädel ein, schüttelte das Vieh ab und zückte die Flinte. Zwei Schüsse erlegten den tierischen Angreifer. Blut rann den Arm hinunter und verschmierte den Schaft. Ungerührt erlegte er im Schein der Lampe zwei weitere Wölfe.

Knurrend zog das dezimierte Restrudel ab.

Mit lautem Schrei riss Olsen den Stoff vom angenagten Ärmel. Damit umschlang er die blutenden Male, zog zusammen und stoppte die Blutung. Ausgelaugt schloss Olsen die Augen und fiel in bleiernen Schlaf.

 

 

2

Es knackte und Olsen erwachte sofort.

Da griff eine schmutzige Hand von oben herab und zog ihn mit einem Ruck hoch.

Ein verwahrloster Mann. Struppige Mähne, grauer Vollbart und langer verschlissener Ledermantel. Eisgraue, hellwache Augen beäugten den Bergwerker misstrauisch.

„Ich bin Michael Vandrop, genannt der Schlitzer. Und ich will dich auch nicht stören. Du hast für dein Picknick einen verdammt unfreundlichen Ort gewählt.”

Vandrop verzog das Gesicht zur verzerrten Grimasse und wischte den Mantel zurück. Er wirkte, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Zum Vorschein kam eine Peitsche und der Skandinavier wich zurück.

Kein gewöhnliches Ledergeflecht.

An ihrem Ende prangte, faustgroß glitzernd, eine goldene Kugel. Jede Berührung damit verpasste Stromschläge wie Fausthiebe. In den Bergwerken die grausamste Wächterwaffe.

Ein Schocker!

Von hinten sprang plötzlich ein Grauuniformierter auf Vandrop los, zückte zwei silberne Revolver und feuerte drei Schüsse ab. Er war wohl der Grund für Vandrops Warnung.

Ein Grauer Herr.

Wen ein Grauer jagte, der hatte es weit gebracht. Die zurückschwingende Goldkugel traf ihn am Rücken und der Uniformierte klappte zusammen.

Zuckend und windend lag er auf dem Boden. Aus Mund und Nase quoll weißer Schaum. Das aus Michaels Vandrops linkem Oberschenkel quellende Blut tränkte sein Hosenbein.

„Die erste Kugel hat mich gestreift”, knurrte er angesäuert.

Hinkend kam er näher und presste einen blutgetränkten Lappen gegen die Wunde. Olsen wunderte nichts mehr.

„Hier draußen ist ein wirklich schnuckeliges Plätzchen. Das bekomme ich wieder richtig Lust auf die Minen. Wie kommst du eigentlich zu deinem netten Beinamen?”

Der Schlitzer lachte freudlos.

„Du wirst es gleich erfahren”, sagte er.

Der Körper des Grauen krümmte sich wie unter grausamen Schmerzattacken.

„Lauf in den Wald. Das sind sie!

*

„Du bist schlauer als erwartet.”

Mit einem gewaltigen Satz katapultierte sich der Graue in die Hocke, richtete den Blick zum Schlitzer und hechtete auf ihn zu.

„Trotzdem wird es dir nichts nützen. Eure Rasse wird sich endgültig beugen.”

Blitzschnell wich Vandrop aus.

„Vor unseren eigenen Geschöpfen?”, höhnte er bissig.

„Wir haben euch erschaffen und wir werden euch wieder vernichten.”

Die Goldkugel spaltete sich in der Mitte. Beide Seitenteile fielen ab und zurück blieb eine messerscharfe Scheibe. Ein erneuter gewaltiger Satz und Michaels Narbengesicht kam in Schlagweite. Brutale Hiebe prasselten auf dem Verwahrlosten nieder, die Peitsche entglitt. Wie eiserne Klammern umfassten die Hände des Grauen den Hals des Schlitzers und drückten erbarmungslos zu.

Unschlüssig verfolgte Olsen den einseitigen Kampf und unterdrückte den Fluchtimpuls.

Ich würde es nicht mal über die Lichtung schaffen.

Entschlossen trat er näher, griff sich die Peitsche und zerfetzte damit dem Grauen den Rücken; dessen Kräfte ließen nach. Mit gezielten Fußtritten stieß ihn der Schlitzer weg, entriss Olsen die Peitsche und durchtrennte den Hals seines Angreifers, dessen Reste seltsam verdreht liegen blieben.

In Lauerstellung postierte sich Michael davor.

Der Blonde winkte ab.

„Was soll jetzt noch großartig passieren?”

„Sieh hin!”

„Unterhalb des linken Rippenbogens bewegte sich etwas.”

„Es beherbergt einen Symbioten.

Die Haut spannte, als ob darunter eine Schere in die Freiheit wollte. Dann zerplatzte das Gewebe. Auf schmalen Stelzen krabbelte ein fußgroßes, spinnenartiges Gebilde hervor und flüchtete flink Richtung Wald.

Vandrops Peitsche knallte, die Scheibe erwischte den Symbioten und zerlegte ihn in mehrere Teile. Immer und immer wieder hieb der Schlitzer darauf ein, bis nur noch kleine Brocken übrig blieben.

Einen davon hob er auf und hielt ihn Olsen unter die Nase.

„Das mein Freund”, sagte er schweratmend und legte seine rechte Hand auf Olsens Rücken, „sind die wahren Herren der Welt. Und sie stehen kurz vor der Wiedergeburt ihrer Maschine. Aber bis dahin erzähle ich dir eine kleine Geschichte.”

 

 

3.

Der KOLONISATOR 2800 stand im Zeichen des Übergangs. Erst die Nachfolger perfektionierten die Planetenbesiedelung. Bis, ja bis sie der GROSSE KOLLAPS dahinraffte und mit ihnen fast die gesamte Menschheit. Die Verbindung zur Menschheit erlosch und Deelor war alleine.

Aber 2800 funktionierte und aktivierte seine Fabrikhallen für Symbioten.

Symbioten waren schwarz, spinnenförmig und platzierten sich unter dem Brustkorb eines Menschen. Mit einem Stich betäubten sie ihr Opfer und brannten ein fingerlanges Loch in den linken Rippenbogen. Sie krochen in den untersten Lappen der linken Lunge und verschlossen die Naht. Eigentlich erdacht, um Soldaten im Kampf übermenschliche Kräfte zu verleihen.

Wenn das ahnungslose Opfer erwachte, dachte es an einen Hautriss oder dergleichen. Der Clou war ein haarfeiner Fühler. Entlang des Rückenmark glitt dieser ins Gehirn und übernahm bei Bedarf die Kontrolle. Innerhalb eines halben Jahrhunderte stellte der KOLONISATOR exakt 144000 Stück her und jegliche Unterstützung der Menschen ein.

Dann kam die Rache der versprengten Siedlernachkommen.

Die Maschine erwartete eine Armee, doch es bedurfte nur dreier Männer.

Diese schmuggelten sich in den Berg, sprengten das Kraftwerk und danach die Maschine. Die Symbioten entkamen.

In weiser Voraussicht hinterlegte die Maschine auf jedem der Geschöpfe einen Teil der eigenen Persönlichkeit. Je mehr Symbioten sich trafen, desto höher stieg ihre Intelligenz. Erbarmungslos jagten sie die drei Männer und trieben inmitten lebensfeindlicher Wüste die Wiedergeburt der Maschine voran.

Von den Männern lebte nur noch einer.

Michael Vandrop, genannt der Schlitzer, unterwegs zu seiner letzten Schlacht ...

*

„Es beginnt. Die Zeichen sind untrüglich”, tönte Vandrop durch den alten Flugzeughangar. In Richtung Rollfeld warteten vier Transportmaschinen auf ihre Besatzung. Auf einer Kiste stehend, heizte der Schlitzer die Stimmung an.

Nach fast einem Jahr kannte Olsens jeden der 123 persönlich - samt ihren Träumen und Ängsten. Seine Gedanken galten Meehrah. Würde sie noch leben - oder schlimmer - kroch bereits ein Symbiot in ihr herum? Der Gedanke daran brachte ihn fast um den Verstand.

„Der Feind bereitet auf einem stillgelegten Militärstützpunkt in der Salzwüste die Wiedergeburt der Höllenmaschine vor. Alle Syms werden eintreffen - die letzte Stunde der Menschheit. Jedenfalls hier auf Deelor.”

Vandrop stockte und blickte in die Reihen der Getreuen. Jeden von ihnen hatte er persönlich ausgewählt. Und jeder wusste um den Weg ohne Wiederkehr.

„Wir werden das zu verhindern wissen!”, endete er leise, sprang von der Kiste und marschierte auf Olsen zu. In den letzten Monaten erwarb er das Vertrauen Vandrops und kannte alle Pläne in voller Tragweite.

„Sie fahren in der Wüste den alten Versuchsreaktor hoch. Die Messungen sind eindeutig”, flüsterte ihm der Blonde zu. Dafür starben meine Kameraden in der Uranmine. Dafür führte mich das Schicksal mit Michael zusammen.

„Gleichzeitig installierten sie gewaltige Solaranlagen. Mich würde nicht wundern, wenn in der Tiefe konventionelle Kraftwerke als Reserve bereitstünden.”

Olsen grinste.

„Noch einmal lässt sich der KOLONISATOR nicht den Saft abdrehen.”

Nebeneinander nahmen sie im Cockpit Platz und starteten die viermotorige Propellermaschine.

„Letzte Gelegenheit zum Aussteigen”, witzelte Vandrop als Copilot. Er wirkte auf Olsen müde, verbraucht.

Nur noch dein eiserner Wille hält dich aufrecht.

Du wirst ihn brauchen.

 

 

4

Sechs Stunden Flug brachten das Ziel in Sichtweite. Ein gewaltiger, hellerleuchteter Stützpunkt mit Stacheldrahtumzäunung und ungetarnten Abwehrgeschützen. Tausende Fahrzeuge umrahmten den Treffpunkt. Sie standen verlassen inmitten tausender Solarflügel, die Sonnenlicht zu Strom verarbeiteten.

Abwehrfeuer traf zwei Maschinen.

Sofort schmierten sie qualmend ab. Deren Piloten visierten die Abwehrstellungen an. Die Ladeluken öffneten sich und Kämpfer regneten an Fallschirmen herab. Im letzten Moment katapultierten sich die Kapitäne aus den brennenden Wracks. Krachend rammten die zwei Flugzeuge in Geschützstellungen und vergingen in gewaltigen Explosionen.

Die dritte Maschine landete auf einer Zufahrtsstraße zum Stützpunkt. Sofort entluden die Kämpfer schwere Jeeps und zwei Kampfpanzer. Einzig Olsen und der Schlitzer kreisten noch.

„Verdammt! Eigentlich sollten die Transporter eine Bresche schlagen. Jetzt muss es mit den Tanks gehen”, zischte Vandrop nervös. Hier entschied sich die Sinnhaftigkeit seines Lebenswerks.

Verzweifelt erkämpften die Truppen eine Lücke im Zaun und drangen vor. Horden von Soldaten strömten ihnen entgegen, versperrten den Weg und eröffneten das Feuer. Die Jeeps vergingen, nur die Panzer rollten dem Ziel entgegen.

„Wo sind die vielen Symbioten geblieben?”, zischte Olsen verwundert. Nervös strich er sich durch das kurzgeschorene Haar.

Vandrop schwieg.

„Rück schon raus! Du kennst die Wahrheit!”

„Und du ahnst sie”, entgegnete der Schlitzer.

„Sie werden alle sterben. Was du dort unten siehst, sind die letzten Lebenden. Um die Maschine neu zu beleben, müssen die Syms ihre Wirte verlassen. Keiner überlebt diese Prozedur. Ihre Leichen werden in irgendwelchen Löchern vermodern.”

Flankiert von den noch lebenden Angreifern durchbrach der erste Tank das Haupthaus. Mehrere Sprengladungen gingen hoch und rissen die Außenmauern weg.

„Das ist unsere Chance.”

Olsen zog eine knappe Kurve, ging zum Landeanflug über, erwischte die Lücke im Zaun und setzte am Ende der Zufahrtsstraße auf. In den Trümmern des ehemaligen Hauptquartiers wurde eine kreisrunde Öffnung erkennbar. Sie verlief senkrecht in die Tiefe.

Von der Seite schoben sich schwere Stahlplatten vor die Öffnung. Die gelenkten Verteidiger zogen sich dorthin zurück. Der zweite Panzer raste auf den Zugang zu, überfuhr ungezählte Soldaten und stoppte eingequetscht zwischen den Platten.

Die Öffnung blieb bestehen!

„Hier werden sich unsere Wege für immer trennen”, sagte Vandrop

„Ich erzähle meinen Kindern von dir”, erwiderte Olsen, brachte das schlingernde Flugzeug zum Halten und drehte es in die entgegengesetzte Richtung. Aus der sich öffnenden Ladeluke rollte mit dem letzten Panzer Vandrop. Direkt auf die noch blockierte Öffnung zu. Die Stahlplatten quetschten den eingeklemmten Panzer zusammen.

Aus allen Rohren feuernd preschte der Schlitzer mit seiner Fracht näher: die Daisy Cutter - eine der größten jemals hergestellten konventionellen Bomben mit einer halben Tonne Sprengkraft. Sie zu beschaffen kostete ihn ein halbes Leben, dachte Olsen.

Vandrops Panzer stürzte mitsamt tödlichem Gepäck in die sich schließende Röhre. Der Boden zitterte, Erdbrocken schleuderten durch die Luft, dann eine zweite Explosion.

„Das Kraftwerk”, murmelte Olsen, wartete und hielt mit laufenden Motoren nach überlebenden Kameraden Ausschau. Niemand zu sehen. Er riss den Beschleunigungshebel nach vorne. Kurz vor dem Zaun hob die Maschine ab.

Dann klinkte er die zweite Daisy Cutter aus.

*

Während des Rückfluges nickte Olsen kurz ein. Aus dem Frachtraum krabbelten zwei Syms auf den schlafenden Blonden zu. Auf Höhe des Pilotensitzes fuhren sie ihre Stacheln aus und visierten den Hals des Bergwerkers an.

Von hinten knallte eine Peitsche über das Leder und wischte die Spinnen zu Boden. Aufgeschreckt griff Olsen zur Waffe und ließ sie wieder sinken.

Hinter ihm stand Vandrop und zerlegte mir wütenden Fußtritten die beiden letzten Symbioten.

„Ich dachte mir schon, dass diese Biester mitfliegen wollten”, sagte er milde lächelnd.

„Vielleicht braucht Deelor noch jemanden wie mich. ”

*

Am zehnten Tag weinte Meehrah.

Die Welt hatte sich verändert und sie würde allein in eine ungewisse Zukunft schreiten. In der Ferne wirbelte Sand auf. Der Wirbel kam näher und funkelte metallisch in der Abendsonne. Ihr Herz schlug schneller. Er kam tatsächlich zurück. Stumm gingen sie aufeinander zu und hielten sich lange wortlos in den Armen.

„Ich habe dir viel zu erzählen”, setzte Olsen schließlich an. Meehrah legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund.

„Nicht jetzt”, sagte sie, zog den Blonden sanft zu Boden und überschüttete ihn mit Küssen.

„Nicht jetzt.”

ENDE