Der Jäger
Poul Morini stellte seine Energiewaffe auf Letal. Eine andere Sprache verstanden die Chingojes doch nicht. Dieser verfluchte Planet mit seinen eigensinnigen Ureinwohnern raubte ihm noch den letzten Nerv. Da wollte man den Wilden nun etwas Gutes tun, brachte ihnen Zivilisation und die bewährte galaktische Rechtsordnung, und was war der Dank dafür? Die Herrscher begrüßten zwar die Aufnahme in die Gemeinschaft und sagten jede Unterstützung zu, doch aus dem Untergrund wurden die Dolaner mit subversiven Methoden bekämpft. Es gab nur eine Möglichkeit, eine weitere Ausbreitung der gefährlichen Ideen zu verhindern: Mit den Anführern musste man kurzen Prozess machen. Denn selbst die Umerziehung in Zwangsarbeiterlagern zeigte nur vorübergehend Erfolg. Schon mehrere große Aufstände hatte es gegeben. Sie waren zwar unerbittlich niedergeschlagen worden, doch immer neue Unruheherde bildeten sich wie aus dem Nichts. Ausgestattet mit allen Vollmachten hatte Poul bisher noch jeden dieser Rädelsführer eliminiert und die Anhänger ins Gefängnis überführt. Sein Ruf als gnadenloser Jäger eilte ihm voraus und den wollte er sich von keinem ruinieren lassen. Er runzelte die Stirn. Dieser Messuf war gerissen wie keiner vor ihm! Jedes Mal war er knapp entwischt, wenn sie sein Versteck ausfindig gemacht hatten. Fast drei Jahre hielt sie dieser gemeingefährliche Anstifter nun schon zum Narren, als ob er über Insiderwissen verfügte. Diesmal musste Poul ihn schnappen, bevor es wieder zu blutigen Straßenschlachten kam. Auf sein Team war Verlass, sie verstanden sich blind. Er nickte und einer der Soldaten zerschmolz das Schloss der Eingangstür mit einem gezielten Hitzestrahl. Ein anderer trat die Tür auf und Poul stürmte mit gezückter Waffe in die Wohnung. Den Triumph wollte er sich nicht nehmen lassen, dieses kriminelle Objekt selbst zur Strecke zu bringen. Da, im Hauptzimmer stand der Scheißkerl, unbewaffnet und die Hände erhoben, doch das würde ihm jetzt auch nichts mehr nützen.
“Bringt die anderen weg!”, knurrte Poul grimmig. Es musste ja nicht sein, dass Zivilisten der Liquidation zusahen. Der Schock des brutalen Einsatzes mit all den nachfolgenden entwürdigenden Prozeduren war auch so schwer zu verkraften. Als er mit dem Verbrecher alleine im Raum war, blickte ihn dieses Arschloch unverschämt nachsichtig an und sagte mit fester Stimme: “Poul, mein Bruder! Ich verzeihe dir.”
Morini drückte ab und bedauerte einen Moment lang, dass er die tödliche Stufe eingestellt hatte, aber beleidigen lassen brauchte er sich bei seiner Arbeit nicht! Während der tote Körper als Nachwirkung der Energieladung noch zuckte, suchte der Jäger die Zimmer nach Medien und Datenträgern ab. Er warf alles in die Mitte des Hauptraumes und verschmolz es mit dem Hitzestrahl zu einem Klumpen Materie. Das Zeug würde keinen Schaden mehr anrichten! Als letztes musste er noch das Gehirn des Toten unbrauchbar machen. Die Untergrundkämpfer hatten tatsächlich eine Methode gefunden, die Gehirne von hingerichteten Verbrechern zu kopieren und schreckten auch vor Totenschändung nicht zurück! Verschmoren, lautete die Dienstanweisung. Wie er das hasste! Der Geruch verbrannten Fleisches nistete sich in jeder Faser seines Kampfanzuges ein und versaute ihm die Freude an der Arbeit. Mehr als einen neuen Anzug pro Jahr bewilligte sein Brötchengeber nicht. Aber es half nichts, er musste seinen Job machen. Poul regelte die Stärke der Energiewaffe und zielte auf das linke Auge des Leichnams. Erst als die Waffe vollständig entleert war und der Gestank kaum noch auszuhalten war, hielt er inne. Mit brennenden Augen, doch auch voller Genugtuung wandte er sich ab. Aus diesem Gehirn holte niemand mehr Informationen heraus.
Vor dem Haus in einem der typisch schlichten Einheimischenviertel gab Poul die Erfolgsmeldung an seinen Vorgesetzten weiter. Jetzt war Eile geboten. Der Einsatz würde sich schnell herumsprechen und er wollte sich mit seinem Trupp in den geschützten Dolanerbezirk zurückziehen, bevor die Krawallmacher sich formierten und einen weiteren unschönen Waffengebrauch nötig machten. Der Aerolifter ließ nicht lange auf sich warten. Beim Hineinklettern warf Poul einen letzten Blick zurück zu dem Fenster, hinter dem jetzt ein toter Möchtegernprophet lag. Ein Strahl des aufgehenden Zentralgestirns fing sich gleißend in der Scheibe und blendete Poul. Er wandte sich ab, doch das hellrote Licht fraß sich weiter bis ins Gehirn. Schmerz pulsierte über die Nervenbahnen in den ganzen Körper, bis das Bewusstsein sich in betäubende Dunkelheit flüchtete.
Morini kam zu sich, als Bedor Ngado, sein Kamerad, ihn eindringlich beim Namen rief. Dessen tiefe, abgehackt wirkende Stimme war unverwechselbar.
“Wo bin ich, Bedor?”, fragte er leise.
“Im Lazarett. Wir haben dich auf dem schnellsten Weg hierher gebracht.”
“Warum ist es dann stockdunkel?”
Ngado zögerte mit der Antwort und Poul verstand. “Ist es nicht. Ich bin blind.”
“Die Ärzte haben bisher nichts gefunden. Rein organisch ist alles in Ordnung mit dir.”
“Dann bilde ich mir das also nur ein!”, brauste Poul auf.
“Beruhige dich, Mann! Sie werden noch weitere Tests machen, bis sie die Ursache herausfinden. Ich glaube aber, diese Verbrecher haben eine neue Waffe entwickelt.”
“Was ist mit den anderen Jungs? Sind die auch betroffen?”
“Nein. Es war trotzdem ein Schock für uns alle. Du hast dich vor Schmerzen gewunden und immer nur gebrüllt ‚Nehmt das Licht weg!‘ Aber da war nichts. – Ich muss jetzt gehen, es wartet eine Menge Arbeit auf mich. Werd‘ bald wieder gesund, wir warten auf dich.”
Poul horchte den zackigen Schritten Ngados nach, spürte den Luftzug, als der den Raum verließ. Die Tür schloss nicht richtig und unfreiwillig belauschte er ein Gespräch auf dem Gang.
“Hat Herr Morini Sie erkannt?”, fragte eine mitfühlende weibliche Stimme.
“Ja, schon. Aber ich habe es wieder nicht über das Herz gebracht, ihm zu sagen, dass er schon seit Monaten hier ist und fast schon genauso lange aus dem aktiven Dienst entlassen. Was soll’s, bis zu meinem nächsten Besuch hat er doch wieder alles vergessen!”
“Mag sein, aber vielleicht hilft ihm die Wahrheit endlich, sein Trauma zu überwinden. Sein Körper ist nicht krank. Es ist seine Seele, die sich weigert, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Sie sind sein Freund. Sie könnten es ihm erleichtern, wenn Sie ihm behutsam beibringen, was passiert ist!”
“Ich bin Soldat, Schwester äh, Kroancha, kein Psychodoc! Für so etwas bin ich definitiv der falsche Mann!”
Poul hatte dem Wortwechsel ungläubig zugehört. Er war aus der Truppe entlassen worden? Und es gab kein Mittel, keine Therapie gegen seine Erblindung? Diese verfluchte Geheimwaffe hatte sein Leben ruiniert! Was sollte nun aus ihm werden? Sein Leben war vorbei, obwohl er noch keine 35 war! Als er bemerkte, dass die Schwester ins Zimmer kam, wandte er ihr wie aus einem Reflex sein Gesicht zu.
“Oh, entschuldigen Sie bitte, Herr Morini!”, sagte sie und trat an sein Bett. “Ich dachte, Sie schlafen, sonst hätte ich angeklopft.”
“Ich muss nachdenken. Schwester, wie lange bin ich schon hier?”
“Knapp sieben Monate.”
“Dann ist es also wahr. Das hier ist nicht das Lazarett, oder?”
“Es ist ein Invalidenheim. Im Krankenhaus konnte man nichts mehr für Sie tun.”
Die Frau half Poul dabei, sich aufzusetzen und lockerte sein Kissen auf.
“Haben Sie denn gar keine Verwandte oder Freunde, bei denen Sie unterkommen könnten? Ich könnte jemandem eine Nachricht übermitteln.”
Poul schüttelte den Kopf. Er war immer stolz auf seine Unabhängigkeit gewesen. Die Arbeit mit den Einsätzen an den sozialen Brennpunkten der Galaxie erleichterte persönliche Beziehungen auch nicht gerade. Und die Kollegen ... – Er wusste ja aus eigener schmerzlicher Erfahrung, wie es ablief. War einer erst einmal ein paar Wochen aus dem Team, dann hörte man nie wieder von ihm.
“Es gibt niemanden! Aber das hier ist auch kein Leben für mich. Schwester Kroancha, können Sie mir nicht ein Mittel geben, dass dem hier ein Ende macht, eine Überdosis irgendwas?”
“Sie sollten sich schämen, ein junger, gesunder Mann wie Sie!”
“Mein Leben ist vorbei! Alles, was ich früher für wichtig hielt, ist sinnlos geworden!”
“Richtig, aber sehen Sie es mal positiv: Sie sind jetzt in einer beneidenswerten Situation. Sie können noch einmal ganz von vorne anfangen und alles anders machen! Es gibt auch Jobs für Blinde.”
“Vergessen Sie das! Ich will nicht für immer auf Hilfe angewiesen sein. Ich will mein altes Leben zurück!”
Die Schwester sog hörbar die Luft ein, dann fragte sie leise: “Hat es so viel Spaß gemacht, Chingojes und andere Intelligenzen zu töten?”
Poul erschrak. Daran hatte er gar nicht mehr gedacht.
“Sie wissen davon?”
“Wer nicht? Sie sind einer der erfolgreichsten Jäger. Und einige meiner Freunde starben durch Ihre Waffe.”
Poul hörte das leichte Zittern in ihrer Stimme und griff nach der dreifingrigen Hand, die an der Bettdecke zupfte.
“Es tut mir leid, Schwester. Vielleicht sollte ich doch noch länger nachdenken.”
“Tun Sie das. Und morgen sieht die Welt wieder anders aus!”
“Aber ich will nicht wieder vergessen!”
“Das ist allein Ihre Entscheidung. Sie bekommen hier keine persönlichkeitsverändernden Medikamente.”
Zeit zum Nachdenken hatte Poul in den nächsten Wochen genug, doch gab es niemanden, mit dem er seine Gedanken teilen konnte. Arbeitsroboter hörten zwar geduldig zu, doch mehr als ein monotones “Haben wir heute gut geschlafen?” oder “Es ist Zeit für das Abendessen.” gaben sie nicht von sich, während sie das Zimmer sauber hielten. Die dolanischen Pflegerinnen, die nur einmal am Tag vorbeihuschten, boten ihm gegen seine Depressionen nur Stimmungsaufheller an, doch die lösten seine Probleme auch nicht. Stundenlang saß er nun am geöffneten Fenster und versuchte, sich wenigstens darüber zu freuen, wenn der Wind Geräusche aus dem nahen Wald oder von der Straße zu ihm trug. Schwester Kroancha ließ sich nicht mehr blicken. Sie schien nicht mehr im Pflegeheim zu arbeiten. Hatte sie etwa gekündigt oder war sie verhaftet worden? Als er kaum mehr darauf hoffte, trat sie eines Tages wieder in sein Zimmer. Er erkannte ihre Stimme gleich wieder, aber auch ihr fremdartiger Körpergeruch unterschied sie von den anderen Frauen.
“Sie finden mich unausstehlich, darum kommen Sie nie zu mir herein!”, murrte Poul, unfähig, seiner Freude den rechten Ausdruck zu verleihen.
“Unsinn, Herr Morini! Chingojes arbeiten hier nur zur Aushilfe. In der Urlaubszeit nehmen sie jeden.”
“Oh, es gibt wohl Probleme wegen Ihrer Kontakte zu Verbrechern.”
Die Frau zögerte einen Moment, dann fragte sie geschäftig: “Haben Sie noch einen Wunsch, bevor ich das Mittagessen bringen lasse?”
“Einen?”, scherzte Poul, um seinen Fehler wiedergutzumachen. “Hunderte! Vor allem will ich hier raus! Sie haben mir doch damals Ihre Hilfe angeboten. Vielleicht kennen Sie jemanden, der mich aufnehmen würde. Natürlich nicht umsonst, ich bekomme sicher eine Rente wegen meines Dienstunfalls.”
“Ich kenne nur Verbrecher, wie Sie meine Bekannten nennen.”
Poul spürte, wie ihm das Blut unangenehm ins Gesicht schoss. Da kam endlich mal jemand, der sich ernsthaft für ihn interessierte und er benahm sich wie ein Idiot. “Ich wollte Sie nicht verletzen, mir fiel nur gerade keine andere Bezeichnung ein.”
“Wir nennen uns die Gemeinde der Wissenden”, half sie ihm über seine Verlegenheit hinweg.
“Wenn ich sehen könnte, wäre ich bestimmt auch keine Last für Ihre Gemeinde. Aber das hier ist für mich wie Einzelhaft in einem sprachlosen Gefängnis.”
“Auch wir können uns nicht frei bewegen, das wissen Sie doch selbst am besten.”
“Aber ich wäre wieder unter mitfühlenden Wesen! Die Schwestern hier sind fast genauso herzlos wie die Roboter!”
“Psst! Nicht so laut!”, ermahnte ihn die Schwester. “Seien Sie nicht ungerecht, Herr Morini, das hier ist noch ein recht gutes Heim. Und bitte verstehen Sie, unsere Gemeinde kann Ihnen keine Gastfreundschaft anbieten, Sie sind eine Gefahr für uns.”
Poul griff nach der Hand der Schwester und drückte sie. Leise beteuerte er: “Das war ich, ich gebe es zu! Aber Sie haben mein Wort, ich bin kein Jäger mehr. Ich tue alles, was Sie wollen, aber holen Sie mich hier raus! Wenn ich nur wieder sehen könnte! Dann wäre ich Ihnen sogar eine Hilfe im Widerstand gegen die dolanischen Unterdrücker. Keiner kennt die Vorgehensweise der Einsatztruppen so gut wie ich.”
Schwester Kroancha beugte sich zu ihm und raunte ihm ins Ohr: “Ich dürfte es gar nicht sagen, aber es ist gerade einer bei uns, der Ihnen vielleicht helfen könnte.”
“Dann bringen Sie mich zu ihm, bitte! Sie sind meine einzige Hoffnung!”
Bedor Ngado stellte seine Waffe auf Letal. Dieser selbsternannte Prophet musste beseitigt werden. “Hemos, den blinden Seher” nannten ihn die Chingojes. Dabei war er nichts weiter als ein Verbrecher, der die Massen zum Widerstand gegen die Dolaner aufhetzte. Der Typ hatte in den vergangenen fünf Jahren immensen Schaden angerichtet, die abstrusen Ideen der subversiven Elemente waren weiter verbreitet als je zuvor. Immer schienen diese Kriminellen einen Schritt voraus zu sein. Doch damit hatte es jetzt ein Ende. Das Haus war umstellt, der finale Schuss stand unmittelbar bevor. Sein Team hatte gute Arbeit geleistet. Sie konnten sich bedingungslos aufeinander verlassen und verstanden sich auch ohne Worte. Als die Tür geöffnet war, stürmte Bedor vorwärts. Da, im Wohnbereich saß der Kerl unbewaffnet vor seinen Anhängern am Fußboden. Bedor drückte ihm die Waffe ins Genick und wies seine Kameraden an, die anderen zum Verhör zu schaffen. Als er mit dem Prediger alleine war, befahl er barsch: “Aufstehen, Mann, und umdrehen!”
Dieser verdammte Mistkerl gehorchte, lächelte ihn schamlos mitfühlend an und antwortete mit sanfter Stimme: “Bedor, mein Freund! Ich verzeihe dir.”
Verärgert krümmte Bedor den Finger.