Lichterland
Trajektorie verlassen. Stabilisatoren runter auf 35 Prozent. Hitzeschild neun-punkt-drei über Normal. Stream aktivieren! Celia, den Stream!
Stream aktiviert. Das geht schief, Simon! Das geht verdammt schief!
Wir schaffen das. Hitzeschild stabilisiert sich bei neun-punkt-sieben.
Der Glighter ist nicht für einen Wiedereintritt gebaut und du weißt das!
Wir können uns das jetzt nicht aussuchen. Bleib cool, Celia.
Sag das dem Hitzeschild. Was war das? Simon, was war das?
Hintere Stabilisatoren ausgefallen. Eintrittswinkel unterschritten. Ich verliere die Kontrolle. Zehn bis Impact. Sieben. Festhalten, Celia, ich spreng uns raus. Jetzt!
Das Licht, Simon, woher kommt das viele Licht … Nein … Simon … Nein …
Ich schrecke hoch. Jede Nacht schrecke ich hoch. Erinnerungen. Träume. Tod. Als das Cockpit runter ging, sah ich das Licht zum ersten Mal. Celia sah es auch. Das war, bevor sie in dieser Höhle starb. Drei Wochen ist das her, nein, eher vier. Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Bin so verdammt müde.
Hab keine Angst, Simon.
Celia? Manchmal höre ich ihre Stimme …
Keine Angst.
… und habe Angst.
Lichterland. Celia gab dem Planeten den Namen, an dem Tag, an dem sie starb. Wir suchten Wasser. Überall riesige Bäume. Kein Wind. Kein Regen. Kein Geruch. Celia sagte, dort wo Pflanzen wachsen, gibt es auch Wasser. Ich sagte, dort wo Bäume stehen, gibt es auch wilde Tiere. Ich habe mich geirrt. Hier gibt es keine wilden Tiere. Auf dem ganzen gottverlassenen Planeten gibt es überhaupt keine Tiere. Nicht eine einzige Bakterie. Hab den Scanner laufen lassen, bis die Batterien versagten. Nichts. Nur Bäume. Lichterbäume. Aus jeder Ritze ihrer Borke quellt wabbernd weißes Licht hervor. Als wir kein Wasser fanden, schoss Celia auf einen der Bäume. Ich sagte ihr noch, sie soll ihr Helmvisier schließen. Sie hatte es wohl überhört und schoss zweimal, bevor die Rinde lautlos barst. Anstelle frischen kühlen Wassers flutete grelles Licht aus der offenen Wunde. Und ertränkte uns.
Als ich erwachte, lag ich in dieser Höhle auf einem gewaltigen Felsen wie auf einem Opferaltar. Und war alleine. Um mich herum schale trockene Finsternis. Keine Ahnung, wie wir und unsere Ausrüstung hierher kamen. In der Zwischenzeit habe ich viel darüber nachgedacht. Ich glaube, das Licht brachte uns. Wollte uns loshaben. Töten. Ganz sicher. Töten, ja.
Mein Helmlicht kleckerte kümmerlich in die alles verschluckende Dunkelheit. Ich sah mich um. Keine Celia. Keine Vegetation. Nur Stein. Hinter mir ein schwaches Schimmern aus einem der Stollen. Ich folgte dem Stollen und fand Celia hinter einer gewundenen Verwerfung. Etwas stimmte nicht mit ihr. Sie lag auf einem der großen Felsbrocken und leuchtete wie eines dieser dämonischen Irrlichter weit draußen am Horizont. Als sie geschossen hatte, stand sie keinen Meter vor dem Baum. Ich schätze, deswegen hatte es sie am Schlimmsten erwischt. Und wegen des Visiers. Celia trug keinen Helm mehr. Auch keinen Anzug. Ihre Augen funkelten und blitzten und Licht pulsierte aus ihnen heraus. Schnelles rhythmisches Pulsieren. Celia schrie.
Das Licht, Simon, …
Schneller.
woher kommt das viele Licht …
Rhythmischer.
Nein … Simon … Nein …
Celia verstummte. Das Pulsieren nicht. Das Licht schoss aus ihrem Mund, ihrer Nase, aus ihrem ganzen Gesicht direkt auf mich zu. Meine Visierautomatik dunkelte ab. Reflexartig schloss ich meine Augen. Warf mich zur Seite. Als ich wieder stand, schwebte, was immer von ihr übrig war, als Lichtsäule über dem Felsen, bevor es sich – nein – bevor sie sich verflüchtigte. Ich brauche eine Pause. Aufzeichnung Ende.
Die Rationen neigten sich dem Ende. Vor drei Tagen öffnete ich den letzten Wasserbeutel. Ich musste unbedingt Wasser finden. An jenem Tag verlies ich die Höhle. Noch immer habe ich keine Ahnung, wovon sich die Bäume ernähren. Wasser scheint es jedenfalls nicht zu sein. Ich fand keinen einzigen Tropfen. Dafür stieß ich auf eine Lichtdivergenz, eine kleine Abweichung im Verhalten der Bäume. Zunächst bemerkte ich es nicht. Erst als ich in den Schatten trat, war es nicht mehr zu übersehen. Die Intensität schwankte. Ich ging zurück, das Flackern stoppte. Ich trat in den Schatten. Fluktuationen. Divergenzen. Das Licht teilte sich, spannte sich um mich, flackerte, wisperte, wollte mich ganz haben. Ich rannte davon. Das Blut in meinem Kopf pochte, die Gedanken schwirrten umher wie Wespen,
Simon, das Licht …
und stachen,
Nein … Simon … Nein …
wie Wespen. Als ich in die Dunkelheit der Höhle eintauchte, verstummte das Licht. Nach einer Weile stachen auch die Wespen nicht mehr. Meine Gedanken konzentrierten sich wieder auf die quälende Frage nach Wasser. Der Durst trieb mich tiefer in die Höhle. Gestern wagte ich mich zum ersten Mal an Celias Felsen vorbei. Ich zögerte. Blieb stehen. Ging zwei Schritte. Sprang an dem Felsen vorbei. Nichts geschah. Ich drang tiefer vor und fand unser Cockpit. Auf einem Felsen. Das verfluchte Ding wog zwei Tonnen. Nein. Ich sollte es wahrlich nicht verfluchen. Immerhin hat es unser Leben gerettet. Das stimmt nicht und du weißt es. Fast hätte ich es nicht auf den Felsen geschafft und brauchte drei Anläufe. Als ich endlich oben stand, berührte ich vorsichtig das Cockpit. Und stürzte rückwärts vom Felsen. Glimmernde Partikel spritzten wie Funken davon, verwandelten das Cockpit in einen Regen berstenden Lichts, lösten sich vor meinen Augen in Nichts auf. Ich weinte.
Auf meinem Rückweg dachte ich an Celia. Wie ich sie vermisse. Ich würde alles dafür geben, sie noch einmal lieben zu dürfen. Ihren Körper zu spüren, ihren Duft einzusaugen. Hier ist alles steril. Keine Gerüche außer meinem eigenen. Keine Geräusche, außer von mir selbst verursachte. Ich denke ans Sterben. Und trinke einen Schluck meines kostbaren Wassers. Ich bin müde.
Recorder aktiviert Energiesparmodus.
Ich war eingeschlafen. Ich traf Celia. Sie sagte, ich solle keine Angst haben. Sie sagte, hab keine Angst, Simon. Keine Angst. Bald wirst du alles verstehen. Ich stand auf und folgte ihr nach draußen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Als ich wieder erwachte, trug ich keinen Helm mehr. Seit dem Vorfall mit Celia trug ich ständig den Helm, sogar wenn ich schlief, und schloss das Visier, sobald ich mein Refugium verließ. Als ich jetzt aufwachte, lag der Helm vor mir auf dem Fels. Mein Puls vibrierte, als ich nach dem Helm griff. Er zerfiel zu Licht. Der Stoff am Ärmel meines Anzuges leuchtete hell auf. Ich sprang hoch, vielleicht etwas zu schnell. Mir wurde schwarz vor Augen und knallte hart an die Wand hinter mir. Glitt zu Boden. Spürte die Kälte, die in meinen Rücken kroch. Gänsehaut. Jeder Zentimeter meines Körpers. Ich hätte meine Augen nicht öffnen müssen, um es zu wissen. Aber ich öffnete sie. Selbst meine Stiefel waren zu Licht zerfallen. Ich sprang auf, zitterte und fror und suchte meinen kostbaren Wasservorrat und fand ihn nicht. Alles, was mir verblieb, ist dieser Recorder. Ein verdammter Recorder. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchstehe. Ich weiß nur eines. Jetzt hält mich nichts mehr in dieser Höhle. Ich gehe hinaus ins Lichterland. Aufzeichnung Ende.
Wispern und Tuscheln um mich herum. Bäume bis zum Horizont. Vor mir das ferne Flackern der gewaltigen dämonischen Irrlichter. Ich schiebe mich zwischen den Bäumen hindurch, schleppe mich weiter, kämpfe um jeden fußbreit Lichterland, das ich hinter mir lassen kann. Das Flackern kommt näher. Mir scheint, es kommt mir entgegen. Will mich holen. Ich friere. Bin müde. Ich stolpere ständig. Irre durch diese Lichterwüste. Kein Wasser. Spreche mit dem Recorder, um nicht verrückt zu werden. Ich … ahh …
Sicherheitsabschaltung. Automatischer Reparaturmodus aktiviert. Please, stand by.
Test. Test. Läuft wieder. Gott-sei-Dank. Ich war gestürzt, konnte mich nicht mehr bewegen und muss eingeschlafen sein. Celia kam mich besuchen und führte mich zu einem der kleineren Bäume. „Habe keine Angst, Simon, keine Angst“, sagte sie und deutete auf eine Wölbung am Stamm. Ein Konglomerat filigraner Lichtstrahlen strömte daraus hervor, stieg am Stamm empor und verdunstete hoch über mir. Ich stürzte zu Boden, drückte meine geschwollenen Lippen an den rauen Stamm und saugte wie ein Baby an der Mutterbrust das schwere Licht in mich ein. Und schlief wieder ein. Bin ständig müde. Als ich neben dem Stamm erwachte, war die Wölbung ebenso verschwunden wie Celia – und mein Durst. Mein Körper fühlt sich gesund an. Jedenfalls gesünder als zuvor. Wohlige Wärme breitet sich in mir aus. Das Einzige, was mir Sorgen bereitet, sind die zu einem wilden Sturm entfachten Irrlichter am Horizont. Sie rasen auf mich zu. Aufzeichnung Ende.
Auf meinem Weg stieß ich ständig auf die kleinen Bäume. Und die Wölbungen. Ich trank, so viel ich konnte. Und lief weiter. Immer weiter. Außer den Bäumen auf dem welligen Land gibt es hier nichts. Doch. Licht. Schweres, leichtes, glühendes, flackerndes, stehendes Licht. Licht in allen Formen und Farben. Licht, wohin ich auch blicke. Lichterland. Die Intensität um mich herum scheint zugenommen zu haben, seit ich mich den Irrlichtern nähere. Seit sich die Irrlichter mir nähern. Jetzt ist es nicht mehr weit. Vielleicht zwei, drei Tage. Dann werde ich wissen, was sich dahinter verbirgt. Bin müde. Muss schlafen. Aufzeichnung Ende.
Als ich erwachte, schwebten die Irrlichter in einer dichten Wolke vor mir über den Bäumen. Ich schiebe mich zwischen den Bäumen hindurch und habe das Gefühl, meine Fingerspitzen hineintauchen zu können. Aber die Lichterwolke weicht vor mir zurück, je näher ich ihr komme. Ich bleibe stehen. Die Konsistenz der goldgelben Wolke scheint sich zu verändern, scheint grausamer, kälter zu werden. In den oberen Schichten flackern Zonen wie Glutnester in Holzwolle auf, durch die der Wind bläst. Aber hier gibt es keinen Wind. Fast gewinnt man den Eindruck. Nein. Das ist unmöglich. Die Wolke redet nicht mit sich selbst. Ich bin verwirrt. Zu lange schon unterwegs, zulange schon im Lichterland. Ich gleite an einem der Baumstämme nach unten, ziehe meine Knie eng an meinen Körper und beobachte das Flackern und Pulsieren der purpurroten Zonen, die scheinbar miteinander kommunizieren. Aufzeichnung Standby.
Ich stehe genau unter der Wolke. In den letzten Minuten veränderte sie sich stets. Die purpurroten Feuernester sind verstummt, veränderten sich zu Rinnsalen, die sich im goldgelben Lichtermeer verlieren und eins werden mit der Gemeinschaft des Lichts, sich harmonisieren, wie lichte Töne in einem Konzert zu einer stillen Sinfonie. Vor mir schwebt ein Meer der Ruhe. Was geschieht hier nur. Jetzt steigt die Wolke hoch hinauf, weit über die Gipfel der Bäume. Tropfen des goldgelben Lichts fallen wie Honig vor mir herab, sammeln sich, formen sich. Wärme steigt in mir auf. Woher kommt das Licht. Das viele Licht? Meine Beine, oh Gott, meine Beine. Was zur Hölle … „Celia?“
„Hab keine Angst, Simon, keine Angst. Dort wo wir hingehen, brauchst du den Recorder nicht mehr.“
„Aber Celia, ich …“
„Psch …“
Recorder aktiviert Energiesparmodus.