Defloration

 

Elsa lockt.

Sie liegt da und lässt mich ihren Körper entlang fließen, wie kristallklares Wasser von Sonnenstrahlen durchflutet wird. Zärtlichkeiten aus schimmerndem Samt.

Kein Wort über den Job. Kein Missklang. Einzig Elsa inmitten unserer  Schneekugel voller Sommertage.

 

Die auf und ab tanzende Intensität meiner Gedanken nimmt sie als Liebkosung hin.

Nein, Elsa, ich bin nicht Kolumbus. Eher ein Kind im Laufstall auf dem Rücken eines Elefanten, das zwischen Gitterstäben hinausträumt in die ozeanische Weite des Dschungels. So trugen wir den Traum nach Europa und stürzten ihn in Form einer Sonde durchs ewige Eis.

 

Das Gewisper der Instrukteure flaut ab. Ich benötige all meine Konzentration.

Ein Teil von mir atmet und funktioniert in der Kabelwelt, sorgfältig überwacht und ermuntert. Hier ist die Basis, mein Körper in der Bodenstation, umgeben von Personal und Instrumentarium. Darüber der Dom der Technokraten, die Leitstelle  mit ihrem Kommunikationsapparat. Hier wird über Projektionsflächen jeder Moment beobachtet und ausgewertet, den meine Wahrnehmungsfähigkeit hergibt.

 

Der Klang ihrer Schritte verliert sich ebenso wie das Echo ihrer Befehle in bizarren Schluchten und Schründen des Eismondes, als Jupiter sich über den Horizont hebt. Ein Schauspiel Gottes zur Unterwerfung des Menschen in Einsamkeit.

 

Kryobots Ende als Weltraumschrott, ein Splitter in der rauen Haut gefrorener Zeit. Doch unser Baby ist draußen. Nach bangem Warten startet das Innenleben des Mini-U-Bootes und sie synchronisieren mich mit seinem Kontrollsystem.

 

Atemlose Stille durchdringt das Dunkel. Ich möchte meine Augen schließen. SCHEINWERFER blenden die Tiefe, formen Ängste aus Schatten und Reflex.

Der Dom raunt verhalten.

 

Hydrobot folgt der Spur thermischer Strömung über Gebirge aus Glas. Litanei der Werte, endloses Gebet an die Realität. Ich kann nicht frieren, ich schwebe.                                                                                                    

Unter mir breitet es sich allmählich aus: ein Tal selbst leuchtender Steine, Riffland, Stromatolithenhaine, unterseeische Flusslandschaften. 

 

Elsa lächelt. Sie führt mich zu ihrem Bett, zieht mich sanft nieder. Schönheit und Würde hauchen dem Dom Demut ein. Sanftmütig duldet sie meine Anwesenheit in ihrem Paradies. Elsas Aura durchflutet mein Innerstes in einer Weise, von der ich keine Vorstellung hatte. Voller Scham erwidere ich die Impulse wahren Lebens.   

 

Das Mini-U-Boot gleitet über die Ausläufer der Riesenanemone hinweg, ohne Zweifel die fortgeschrittenste Lebensform des bekannten Sonnensystems. Unter der Eiskruste des Jupitermondes schuf sie diesen Wundergarten und lebt als Königin der Tiefe mit ihm in mentaler Harmonie.

 

Auch mich, den Eindringling, umfängt sie mit liebevoller Hingabe. Ich ziehe mich von den Kontrollen zurück, um mich in Elsa zu vergessen.                                 

Hydrobot fällt wie ein Stein in Elsas sensiblen Bereich und schlägt auf.

 

Was geschieht mit uns, Elsa? Du verfärbst dich und deine Kreaturen sinken auf den Grund der Nacht. Wellen kollektiven Schmerzes breiten sich aus, verheißen gemeinsamen Tod.

 

Licht dringt durch Risse im Eispanzer. Das Auge Jupiters starrt auf unseren Friedhof und vom Innern des Domes auf Menschen ohne Motiv.

Ich werde nicht fliehen. Sie reißen die Sonden aus meiner Leiche, zu spät.

Leben verfließt. Umschlungen liegen wir auf dem Grunde des Ozeans, ewig  schweigend.