Fremde Welten

 

Die schwarze Sonne

über der Nehrung

 

 

Sind aber die Vorfahren eines Volkes voller Zorn,

dann wird dieses Volk eine andere Sonne sehen müssen als jene, welche die Vorfahren gesehen haben.

 

 

aus dem Buch von Chenjerai Hove und Ilija Trojanow: "Hüter der Sonne- Begegnungen mit Zimbabwes Ältesten- Wurzeln und Visionen afrikanischer Weisheit" (Frederking und Thaler).

 

 

Das war sie also. Das war die berühmte Düne. Die Düne, die man nie betreten durfte. Jahrzehntelang wurde mir das eingeschärft. Von meinen Eltern, von meinen Großeltern, von allen anderen Dorfbewohnern. Jahrzehntelang Da stand ich nun. Ich wußte nicht, wie mir geschah.

Ich erinnere mich, wie ich als Schulbub- ich war vielleicht 12 Jahre alt- einmal die schräge Sandfläche hinauflaufen wollte. Ich wollte das Meer sehen, einfach so. Oder wollte ich sehen, ob ich wirklich das Meer sehen konnte. Meine Kameraden brüllten mich an, wollten mich zurückhalten. Ich wehrte mich mit aller Kraft und lief los. Mein Vater kam des Weges. Er schrie, wie ich ihn noch nie schreien hörte. Ich hätte es fast geschafft, war fast oben.

Ich war ein folgsames Kind, blieb mir damals nichts anderes übrig. Auch Angst hatte ich, mehr vor dem Vater, als vor der Düne. Er sprach nicht mehr darüber. Niemand sprach darüber. Keiner im Dorf sprach darüber. Ich sprach auch nicht mehr davon und ging nie mehr auch nur in die Nähe der Düne. Es schien eine kollektive Übereinkunft zu geben, nicht über die Düne zu sprechen. Man wußte einfach und sagte nichts. Es war wohl ererbtes Wissen aus Urzeiten. Ein Tabu. Ich durfte den Weg an der Düne nie mehr gehen. Und ich tat es auch nicht.

Die Jahre zogen ins Land, viele Dünen wanderten über unsere Nehrung. Das Meer war immer noch blau, das Haff war immer noch blau, aber anders blau, vielleicht etwas grau.

Und diese Düne- seltsam jetzt fällt es mir auf, sie war immer noch da. Unverändert am selben Fleck. Vielleicht seit Jahrzehnten, oder Jahrtausenden. Unverändert vom Wind. Man muß sich das vorstellen. Eine Sanddüne, die vom Wind nicht bewegt wird! Und wir haben immer Wind hier. Alle Dünen bewegen sich. Letztes Jahr wurde das Haus vom alten Fischer Moraiken verschüttet. Doch diese Düne bewegt sich absolut nicht.

Da stand ich nun, ich war inzwischen 40 Jahre alt. Mir war langweilig zu Hause, ich wollte an die Luft, den Wind um die Ohren spüren. Ich wollte Richtung Dorfkirche, doch ich ging anders. Ich weiß nicht wieso. Nein, ich ging nicht, es zog mich woanders hin- hierhin: vor die Düne.

Die Jahre waren ins Land gezogen. Meine Eltern waren gestorben. Keinen Gedanken hatte ich all die Jahre an die Düne verschwendet, sie aus dem Gehirn gelöscht. Seit damals. Warum war ich nun hier? Plötzlich fielen mir wieder Wortfetzen ein, die ich als kleines Kind hörte. Ich sah meinen Großvater vor mir, wie er mit einem alten Dorfbewohner sprach. Von der Düne, vom Schrecken, der dort zu Hause war, von einer schwarzen Sonne. Mir fielen Geschichten ein, die in der Schule getuschelt wurden, von einer anderen Welt, von seltsamen Wesen mit drei Augen.

 

Mir fiel Onkel Jan ein, wie er eines Tages plötzlich verschwunden war und nie wiederkehrte. Keiner sprach mehr über ihn. Als hätte er nie existiert. Ebenso war es mit dem verrückten alten Pachlin. Weg, plötzlich weg. Er galt als Spinner, weil er immer behauptete, oben gewesen zu sein. Keiner glaubte ihm. Keiner sah ihn gern an, denn er hatte seltsame Narben im Gesicht. Narben wie Verbrennungen. Furchtbare, entstellende Narben. Ich konnte damals nichts damit anfangen, ebensowenig wie jetzt. Warum fiel mir das jetzt ein?

Als ich aus meinen Gedanken erwachte, war es schon am dunkel werden. Es war kalt. Doch mir war die Richtung klar. Ich mußte es tun. Plötzlich wußte ich, ich mußte es tun, ich mußte hinauf.

Ich stapfte durch den Sand, ich kam nicht besonders vorwärts. Nach etwa einer halben Stunde war ich erst an der Hälfte angelangt. Ich war müde. Es war jetzt fast ganz dunkel. Ich blickte zum Haff, auf mein Dorf. 89 Bewohner und ein Geheimnis, dachte ich bei mir. Mir fiel ein, wie vor etwa 20 Jahren ein seltsames, mehrgliedriges Metallrohr auf dem Weg bei der Düne gefunden wurde. Der alte Pastor nahm es an sich. Kurz darauf hies es, das Metallstück sei auf mysteriöse Weise verschwunden. Der Pastor war es auch, der einmal mit Onkel Jan über eine uralte Zivilisation sprach, eine Hochkultur aus einer Zeit, als es noch keine Nehrung gab, aus einer Zeit ohne Mond und mit einer schwarzen Sonne. Das war kurz bevor Onkel Jan verschwand. Alles Unsinn, Gewäsch alter Männer, dachte ich damals. Wieso erinnere ich mich jetzt an diese Dinge, die doch für mich all die Jahre nicht existierten.

Der Wind pfiff mir um die Ohren. Ich blickte hinauf zum Ende der Düne. Ich stapfte weiter, wie ein Automat. Es war Nacht, als ich am Dünenkamm angelangte. Plötzlich wurde es warm, es gab keinen Wind mehr. Es war ganz still. Ich schob meine Augen über den Kamm.

Da war sie, ich sah sie vor mir! Die schwarze Sonne. Mir fiel plötzlich ein, daß es hell war, unglaublich hell. Und warm. Eine verkehrte Welt. Ich blickte über eine weite Ebene.

Wo war bloß das Meer? Hinten war Nacht. Vor mir war Licht und als ich mich an dieses seltsame Licht gewöhnte, nahm ich langsam Einzelheiten wahr. Seltsame Gebilde ragten aus der weißen Erde, wie gebogene Metallgerüste, doch sie bewegten sich. Keinen Baum, keinen Strauch, kein Tier und keinen Weg gab es hier. Es war ganz still. Auch meine eigenen Bewegungen hörte ich nicht. Es war sehr heiß, meine Augen brannten schon, mein ganzes Gesicht fühlte sich seltsam an.

Ich stand auf der Düne, oberhalb der Ebene. Die Gebilde waren plötzlich größer. Glänzten im Licht. Woher kam bloß dieses wahnsinnige Licht? Die Sonne war doch schwarz. Ich spürte nur noch Schmerzen. Überall Schmerzen.

Ich wollte nach Hause, aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Irgendeine Macht hielt mich fest. Irgendwie ahnte ich, was auf mich zukam. Mein unausweichliches Schicksal.

Ich erschrak. Plötzlich glänzte es direkt vor mir, und hinter mir. Diese Gebilde. Sie waren da. Riesig. Auf einmal waren sie da. So schnell. Ich konnte nicht weg. Es waren mindestens fünf. Die Metallgerüste hatten zwei Ausleger wie Beine, unterteilt in Segmente mit einer gelenkigen Verbindung. Nur ein armähnliches Teil ragte aus einem runden Zentralkörper. Darauf war eine Art Schild montiert. Dieses Schild bewegten sie ständig. Alle bewegten sie. Eine Art der Kommunikation wohl. Aus den Schilden sprossen Fäden hervor und schossen auf andere Schilde, um im nächsten Moment zu verwehen oder sich aufzulösen. Meine Schmerzen wurden unerträglich.

Da sah ich- in ein Gesicht, ein schwarzes Gesicht, unter einer Art Glasglocke mit Zacken. Mein brennendes Gefühl und die unsagbaren Schmerzen überall ließen mich ahnen, daß sich mein Körper langsam auflöste. Und ich sah drei Lichtpunkte. Das waren die Augen. Das war das letzte, was ich sah.

Man wird mein Verschwinden schnell bemerken. in unserem kleinen Dorf auf der Nehrung. Alle werden es wissen, doch keiner wird darüber sprechen. Ich werde aus der Erinnerung gelöscht sein. Verbrannt von der Strahlung, ausgebrannt aus den Gehirnen meiner kleinen Welt. Hineingebrannt in eine andere, eine weite und stille Welt. Hinübergebrannt in eine andere Zeit. Eine neue Dimension tut sich auf, eine Grenze ist überschritten. Doch ich weiß nichts davon. Ich wandere durch die weite weiße Ebene, durch das Licht. Doch es kommt mir nicht mehr hell vor. Ich sehe die Welt schwarz. Und doch sehe ich. Ich höre nichts, doch ich unterhalte mich mit anderen. Ich spreche mit dem Schild, der ohne mein Zutun Fäden spinnt. Ich weiß nicht wie, aber ich spreche. Ich spreche mit den anderen, die aussehen wie ich: Metallgerüste mit zwei Auslegern wie Beine, unterteilt in Segmente mit einer gelenkigen Verbindung. Nur ein armähnliches Teil ragt aus einem runden Zentralkörper. Mein Gesicht, da bin ich mir sicher, ist ein schwarzes Gesicht, unter einer Art Glasglocke mit Zacken. Und mit drei Augen.....