Der Ganztöter
Der Boß empfing den Professor und seinem Assistenten persönlich in der Eingangshalle mit einem jovialen Lächeln. Als Max den Professor nach verborgenen Waffen abtasten wollte, machte der Boß eine verneinende Handbewegung. Max verneigte sich kurz vor dem Boß und zog sich zurück.
„Es freut mich, daß Sie gekommen sind“, sagte der Boß, rückte seine Fliege gerade, zupfte am schwarzen Smoking und strahlte freundlich über das hagere Gesicht. „Kommen Sie doch herein. Wen haben Sie uns da mitgebracht, verehrter Herr Professor?“
Der Professor ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie kurz. „Guten Tag, Sir Arthur“, sagte er. Dann zeigte er auf seinen Assistenten. „Das ist Dave McLaughlew. Er ist mein Assistent und hat mir bei der Entwicklung des – ähem –Projektes geholfen.“ Und als der Boß ein fragendes Gesicht machte, ergänzte der Professor: „Dave ist absolut vertrauenswürdig.“
„Dann sind auch Sie herzlich willkommen in meiner bescheidenden Hütte“, sagte der Boß und griff nach der Hand von Dave, um auch sie kräftig zu schütteln.
Der hochgewachsene junge Mann, den der Professor als Dave vorgestellt hatte, setzte einen kleinen braunen Lederkoffer ab, strich sich eine seiner schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht und reichte zögernd die Hand dem Boß. „Weshalb wollte Ihr Mann uns nach Waffen abtasten? Sie haben doch automatische Kontrollen, die jeden Strahler erkennen. Trauen Sie ihren Geräten nicht?“ fragte der Assistent anstelle einer Begrüßung.
„Dave!“ Scharf zischte der Professor den Namen des Assistenten. Der zuckte zusammen und verbeugte sich leicht vor dem Boß. „Verzeihung, Sir“, sagte er leise und devot, aber um eine Spur zu aufgesetzt.
Der Boß breitete seine beiden Arme etwas aus und strahlte seine Gäste an. „Kein Problem, Professor. Ich liebe nur alte Traditionen und pflege sie. Und bevor es den automatischen Sicherheitscheck gab, gehörte dieses Ritual eben zu den Gepflogenheiten in unseren Kreisen. Daran halte ich fest.“
„Sie beliebten Hütte zu bemerken, Sir Arthur. Hütte ist wohl etwas untertrieben“, sagte der Professor um das Gespräch in andere Bahnen zu bringen und machten mit den Armen eine raumausgreifende Bewegung. „Ihre sogenannte Hütte ist das Prunkstück des ganzen Villenviertels von Ophir-City.“
„Schmeicheln gehört zum Geschäft?“ sagte der Boß fragend, lächelte jedoch. „Aber das haben wir doch nicht nötig. Sie sind kein gewöhnlicher Vertreter und ich bin kein gewöhnlicher Kunde, dem man an der Haustür einen neuen Raumpflegeroboter oder ein Fünf-Jahres-Abonnement von erotischen Abenteuerträumen aufschwatzen kann. Wenn Sie gute Waren liefern, bekommen Sie einen guten Preis, ohne wenn und aber. Dafür bin ich bekannt.“
„Der Preis“, begann der Professor zögernd. „Sie wissen, ich tue es nur für das Institut. Nachdem der Gouverneur von Ophir die Mittel weiter zusammen gestrichen hat, sind eine Reihe von Forschungsprojekten in Gefahr. Ich muß - ich muß mich daher um Drittmitteln bemühen.“
„Aber sicher doch, verehrter Herr Professor.“ Der Boß schäumte immer noch vor Freundlichkeit über. „Als wohl nicht ganz unbedeutender Geschäftsmann auf Ophir und den nächsten fünf benachbarten Sonnensystemen ist es mir eine Ehre, wenn ich die Wissenschaft etwas unterstützen kann.“ - „Aber kommen Sie doch in meine Bibliothek. - Max!“ Der Angesprochene trat dezent aus dem Hintergrund hervor und blickte stumm den Boß an. „Max, sage Empfarl, er soll in die Bibliothek kommen und dann wollen wir nicht gestört werden.“ Max nickte und tauchte wieder im Halbdunkel der Empfangshalle unter
Der Boß führte seine beiden Besucher in die Bibliothek. Als er die erstaunten Gesichter der Besucher sah, breitete er seine Arme aus und sein Körper beschrieb einen Halbkreis. „Schauen Sie sich um, Herr Professor. Hier finden Sie noch Bücher aus Papier. Ja, fassen Sie sie ruhig einmal an.“
Vorsichtig zog der Professor einen Band aus dem Regal. „Ein richtiges Buch“, sagte er ergriffen. Der Boß nickte eifrig: „Ja, nicht wahr. Einige Exemplare sind von der Erde importiert. Sie stammen noch aus der Zeit vor Beginn des instellaren Raumfluges. Es hat ein kleines Vermögen gekostet, sie zu erwerben und zu konservieren.“
Behutsam stellte der Professor das Buch wieder an seinen Platz. „Es ist beeindruckend.“
In diesem Moment öffnete sich eine Seitentür und ein Varl stolzierte auf seinen sechs langen Beinpaaren herein. Das insektenähnliche Wesen drehte seinen eiartigen Kopf in Richtung des Bosses und richtete seine Fühler auf. Vor seiner silbrigschimmernden Brust hing ein kleines dunkles Gerät. Es war die einzige Bekleidung des Wesens. Der Varl bewegte einer seiner Armpaare. Die langen spinnenbeinförmigen Finger hantierten an dem Gerät. „Guten Tag, Sir Arthur“, klang es nun daraus. Der Boß deutete auf den Varl. „Das ist Empfarl. Er berät mich in allen waffentechnischen Fragen. Deshalb habe ich ihn gebeten, ihr Angebot zu begutachten. Herr Professor, wollen Sie mir nicht ihre Entwicklung nun einmal zeigen?“
Auf einen Wink des Professor stellte Dave den kleinen Lederkoffer auf einen Lesetisch in der Mitte der Bibliothek und öffnete ihn. Vorsichtig entnahm er seinem Koffer eine kleine Handfeuerwaffe. Interessiert trat der Varl heran. Seine Fühler schwangen über der Waffe hin und her. „Das ist eine normale Waffe, die überall gekauft werden kann“, schnarrte das Gerät vor seiner Brust.
„Eben nicht“, entgegnete der Professor und blickte den Boß an. „Das ist keine normale Waffe. Es ist ein Ganztöter.“
Der Boß machte noch immer ein sehr freundliches Gesicht. „Herr Professor, Sie sind mir als ehrenwerter und seriöser Wissenschaftler bekannt. Ihr Renommee reicht weit über das System Ophir hinaus. Als Sie mir die Nachricht zu kommen ließen, dass Sie ein völlig neues Waffensystem entwickelt haben, war ich natürlich interessiert. Daher glaube ich nicht, dass Sie scherzen. Aber was in aller Welt verstehen Sie unter einem Ganztöter?“
„Darf ich etwas weiter ausholen?“ fragte der Professor. Der Boß nickte und der Professor lehnte sich an ein hölzernes Bücheregal, das ebenso antik wie sein gedruckter Bestand zu sein schien.. „Sie wissen, daß Professor Stock und seine Leute von der Mars-Universität Beweise gefunden haben, die wohl für die Existenz einer Seele sprechen?“
Der Boß nickte. „Das weiß ich. Die Medien haben diese Geschichte ja vor einem Jahr so hinausposaunt, dassß man schon blind, taub und dazu noch strohdumm sein muß, um es nicht zu wissen. Seitdem leben auch die alten, fast vergessenen Religionen wieder auf. Selbst in Ophir-City gibt es eine Gemeinde der Gemeinschaft der Vereinigten Christen. Ich selbst bin Mitglied bei der katholischen Sektion.“
„Auch eine dieser alten Traditionen ihres Gewerbes“, sagte der Assistent kühl. Irritiert stockte der Boß kurz, dann brach er in ein herzliches Lachen aus. „Wie ich sehe, Herr Proferssor, kennt sich Ihr Assistent auch mit der Geschichte aus.“ Im Gesicht des Professors kehrte die Farbe zurück, die kurz zuvor einem aschfahlen Grau gewichen war.
„Sehen Sie“, fuhr nun der Professor fort und warf nur einen strafenden Blick auf seinen Assistenten, „wenn man den Thesen von Professor Stock folgt - und ich halte seine Beweisführung für zwingend - dann baut sich beginnend mit der Geburt des Menschen“, der Professor stockte kurz und warf einen Blick auf dem unbeweglich stehenden Varl, „und wohl auch bei anderen intelligenten Wesen und einigen höher entwickelten Tieren – mit fortschreitender körperlicher Entwicklung langsam eine Seele auf, die die Lebensenergie speichert. Nach Professor Stock entwickelt sich erst ab dem ersten Lebensjahr beim Menschen ein n-dimensionale Energiefeld, dass wir alten Traditionen gemäß Seele nennen und welches die Persönlichkeit eines Menschen auch speichert und bewahrt.“
„Die Theorien von Professor Stock sind mir geläufig“, unterbrach der Boß. „Kommen Sie bitte zur Sache.“
„Ich bin schon dabei. Dieses n-dimensionale Energiefeld - ich spreche der Einfachheit vielleicht doch besser von der Seele - gilt als unzerstörbar. Stirbt ein Mensch, dann verfällt zwar sein Körper. Die gespeicherte Lebensenergie weicht aber auf eine andere Ebene aus, die Persönlichkeit des Toten existiert dort weiter, nennen Sie es Himmel, eine andere Dimension oder sonstwie.“
„Ja, diese Theorie kenne ich. Und?“ sagte der Boß.
„Verstehen Sie nicht?“ Der Professor schaute den Boß in die Augen. „Es gibt Geschäfte, die, sollem sie zum Erfolg führen, mitunter den Tod eines anderen Menschen bedingen. Was meinen Sie, wird die Persönlichkeit jenes Menschen tun, der weiß, daß ihn jemand anderes er...- nun, eben beseitigt hat. Er wird in der anderen Ebene warten. Denn irgendwann stirbt auch einmal sein Gegner. Und was ein n-dimensionales Energiefeld einem anderen n-dimensionalen Energiefeld antun kann, wissen wir nicht. Vielleicht gar nichts, vielleicht wird die Rache des Getöteten auch fürchterlich sein und die Fortexistenz des Täters nach dem eigenen Tod zur Hölle. Das Risiko ist jedenfalls da und ich meine, man muß es nicht unbedingt eingehen.“
„Das ist Unsinn“, schnarrte der Varl. „Es gibt kein Leben nach dem Tod. Nach dem Tod beginnt das großes Nichts.“
„Sei ruhig!“ Der Boß stieß diesen Befehl scharf hervor, dann wandte er sich wieder freundlicher zu dem Professor: „Varl haben in diesen Dingen eine ganz andere Sicht. Lassen wir das. Aber ich beginne zu verstehen, was ihre Waffe kann. Sie tötet auch die Seele!“
„So können Sie es nennen, Sir. Diese Waffe hier“, der Professor strich andächtig über Griff und Lauf seiner Erfindung, „ist zum einen ein ganz gewöhnlicher Strahler, der den Körper eines Lebewesens töten kann. Gleichzeitig erzeugt er jedoch eine, nun, ich habe sie Anti-Strahlung genannt, die das n-dimensionale Energiefeld zusammenbrechen läßt. Wer damit äh – liquidiert wird, ist ganz tot. Kein Energiefeld, keine Seele, kein rachedurstiger Feind auf der anderen Ebene, im Jenseits.“
„Herr Professor, Sie sind ein Genie!“ Freudig ergriff der Boß die Hand des Professors und schüttelte sie kräftig.
„Ich muß warnen“, ließ sich erneut der Varl vernehmen. „Bezahlen Sie nicht für einen simplen Strahler. Die Wirkung des Ganztöters sollten Sie erst überprüfen.“
„Empfarl, Dein Varl-Gehirn versteht wieder nichts. Es gibt die Seele! Dass weiß ich. Und die Wirkung dieser Waffe, Du Narr, kann ich erst überprüfen, wenn ich tot bin und eventuell in diesem Leben störende Personen dann auch nicht mehr oder eben doch noch in der anderen Ebene vorfinde.“ Der Boß wurde auf einmal nachdenklich und auf seiner Stirn erschienen kleine im Licht glitzernde Schweißperlen. „Wie ist das eigentlich mit Leuten, die, nun ja, die bereits das Zeitliche gesegnet haben. Kann man da im nachhinein....?“
Der Professor schüttelte den Kopf. „Nein, ist die Seele erst in die andere Ebene hinübergewechselt, ist sie selbst für den Ganztöter nicht mehr erreichbar.“
„Man trifft dort also wieder auf seine Feinde und möglicherweise können die dann Rache üben?“ Der Boß wurde ein klein wenig bleich. Der freundliche Gesichtsausdruck verschwand.
„Wenn die eigene Seele selbst in die andere Ebene eintritt, kann dies geschehen, ja.“
„Ich verstehe.“ Der Boß nickte langsam, wandte sich dann an den Varl: „Du kannst gehen.“
Der Varl stakste wortlos hinaus und der Boß trat an eine Seitenwand, aktivierte den Hauscomputer. „Überweisung von drei Millionen Ophir-Dollar an Professor van Haehn“, sagte er und wandte sich dann wieder an seine Gäste. „Ich meine, ein Betrag in dieser Höhe dürfte für die Rechte an dieser Waffe genügen.“
Der Professor war sichtlich bewegt. „Drei Millionen. Sir, mit soviel habe ich gar nicht, ich weiß nicht...“
„Es ist für die Wissenschaft und Ihr Institut.“ Väterlich legte der Boß einen Arm um den etwas älteren Geschäftspartner. „Ich muß sie nun hinausbegleiten. Dringende Geschäfte bedürfen meiner persönlichen Anwesenheit. Ihr Musterexemplar darf ich doch behalten?“
„Sicher, es ist voll funktionsfähig“, antwortete der Professor.
Erst als die beiden Besucher die Villa verlassen und in ihrer Flugkabine zurück auf den Weg zur Wohnung des Professors waren, sprach der Assistent wieder. „Onkel, ich vertraue Dir und ich werde Dein Vertrauen, das Du in mir setzt, nie enttäuschen Aber ich muß Dir sagen, dass ich Dein Verhalten eben nicht billigen kann. Dein Institut braucht Geld, ja. Doch mußt Du mit Dem da Geschäfte machen? Und dann solche? Sir Arthur ist kein sauberer Geschäftsmann. Er beherrscht das Verbrechersyndikat von Ophir. Vielleicht hat er nie selbst jemanden persönlich ermordet, aber er hat bestimmt mit Hilfe seiner Handlanger schon hunderte von Menschen auf den Gewissen.“
Nun lächelte erstmals der Professor. „Mein lieber Neffe und unentbehrlicher Assistent. Deinen Grimm kann ich verstehen. Aber vertraue mir. Auch ich bin gegen diesen Mann. Wie weh tat es, als ich sehen musste, das er zum mächtigsten Mann im ganzen Ophir-System aufstieg. Überall hat er seine Finger drin. Die ganze Verwaltung bis hoch in die Regierung und viele Abgeordnete im Parlament sind von ihm abhängig. Sein Syndikat hat sich überall ausgebreitet und ist eins mit unserer schönen Welt geworden.“
„Wenn Du einem Feind nicht besiegen kannst, mach ihn zu Deinem Freund. Ist es das, weshalb Du Dich mit ihm einläßt.“ Die Stimme des Assistenten klang bitter.
„Nein. Du verstehst nicht. Ob eine Seele überhaupt zerstörbar ist, weiß ich nicht...“
„Du meinst, Du hast ihn beschissen?“ unterbrach ihn der Assistent. „Der Ganztöter funktioniert gar nicht.“
„Er funktioniert. Zumindest als ganz normale Waffe.“
Der Neffe zeigte deutlich sein Nicht-Verstehen. „Was hat das ganze denn für einen Sinn?“
"Sir Arthur glaubt fest an ein Weiterleben nach dem Tod. Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen. Kaum wurden Stocks Theorien auf Ophir bekannt, trat Sir Arthur der katholischen Sektion der Vereinigten Kirche bei. Er finanziert maßgeblich den Bau der neuen Kathedrale von Ophir-City.“
„Aber, dies Geld von dem da, Du weißt, womit er es verdient hat, wie kannst Du nur...“
„Mein lieber Neffe. Erstens, Geld stinkt nicht. Das hat man bereits in der Stadt Rom auf der guten alten Erde gewußt. Zweitens, die Millionen für unser Institut sind nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, Sir Arthur zu aufzuhalten und ich glaube, ich habe sie gefunden.“
Die Flugkabine landete. Ihre beiden Insassen machten jedoch keine Anstalten, auszusteigen. Der Assistent setzte das Gespräch fort: „Onkel, ich kann Dir nicht folgen.“
„Warte ab“, sagte der Professor.
Bereits die Mittagsnachrichten am übernächsten Tag berichteten vom Selbstmord von Sir Arthur Miller. Er hatte sichmit einer kleinen Handfeuerwaffe erschossen.
Der Assistent suchte den Professor auf. „Wieso, Onkel, wieso?“
Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel des Professors. „Sir Arthur dürfte, wenn die Seelen seiner Feinde tatsächlich in einer anderen Ebene weiter existieren, einiges zu befürchten haben. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit, dem zu entrinnen. Seine eigene Seele durfte nicht überwechseln.“
„Selbstmord mit dem Ganztöter?“
„Ja. Das war die einzige logische Konsequenz. Der große Sir Arthur war ein Feigling. Wenn die Angst vor der befürchteten Hölle im Jenseits größer wurde als die Furcht vor der eigenen Nicht-Existenz, mußte er es tun und zwar bald, bevor er auf andere Weise sterben konnte und seine Seele, wie er glaubte, dann, ähem, sich mit ehemaligen Opfern auseinandersetzen mußte. Sir Arthur hatte ganz einfach Schiss vor der Rache seine toten Feinde, so einfach ist das. Deshalb brachte er sich mit der Waffe um, von der er meinte, sie sie ein Ganztöter.“
Der Assistenz lachte. „Onkel, Du bist ein Genie.“ Der Professor nickte. „Ich weiß.“