Johajadrims Reise
Wieder begann die Außenhaut zu pulsieren. Johajadrim begrüßte die Qualen wie einen wohlbekannten Freund.
„Endlich!“, dachte er. „Endlich ist es soweit!“
Wild signalisierte er seine Freude und Bereitschaft hinunter in die dichte Atmosphäre, wohl wissend, dass niemand in der Nähe war, die Signale zu empfangen. Schon seit tausenden Sonnenumläufen schwebte er einsam in den oberen Bereichen der Exosphäre. Ein Abstieg war ihm nicht mehr möglich.
Er erinnerte sich an seinen ersten Aufstieg vor unzähligen Sonnenumläufen, als sein Gedächtnis einsetzte und die energiereichen Partikel der Atmosphäre ihn aufluden.
„Ich bin ein Jardim!“, war der erste Gedanke, den er dachte. Wie ein Blitz des ionisierten Gasgemischs fühlte es sich an, und vielleicht war es ja auch einer gewesen, der ihn erweckt hatte.
„Ich bin ein Jardim!“ Das Hypergedächtnis aller Jardim meldete sich in dem soeben aufgestiegenen Wesen. Sanft schwebte er in angenehmer Entfernung zu dem heißen Kern des Gasplaneten. Weiter unter ihm wuchsen weitere Jardim heran, wie es ihm in diesen Augenblicken bewusst wurde. Von dort war er aufgestiegen, dem gedanken- und bewusstseinslosen Zustand der Keime entronnen. Ein flachgepresster Jardim, in Form einer Ellipse, etwa doppelt so groß, wie seine jüngeren Artgenossen, die am glühenden Planetenkern abgelegt worden waren. Das Hypergedächtnis der Jadrim gemahnte ihn, nicht allzu lange in diesen tiefen Schichten der dichten Atmosphäre zu verweilen, da der hohe Druck ihn daran hinderte, sich weiter zu entwickeln. „Ich brauche Nährstoffe!“, wusste der Jardim instinktiv. Er faltete die Ränder auf und genoss die Aufnahme der energiereichen Kristalle, die um ihn herum strömten. „Ich lebe! Ich wachse! Ich bin ein Jardim!“, fuhr es ihm in den Sinn. Begeistert überließ er sich den kräftigen Strömungen, die ihn mitzerrten. In rasender Geschwindigkeit entfernte er sich von seinem Geburtsort.
Nach etwas mehr als Tausend Sonnenumläufen bemerkte der junge Jardim eine weitere Veränderung. Der Besuch der Felder des Wissens lag gerade hinter ihm. Angelockt von den süßen Pheromonen hatte er sich den höher gelegenen Ebenen der Mesosphäre genähert und beim Überflug der Ionenfelder, in denen die aufgezeichnete Historie der Jardim aufbewahrt wurde, einen starken Lockimpuls empfangen. Gierig nahm er die Nährstoffe seiner Umgebung auf, dehnte seinen Körper dank der etwas geringeren Druckverhältnisse aus und schwebte höher als er es je zuvor getan hatte.
Seine Außenhaut pulsierte rhythmisch und gab bei jedem zwölften Impuls einen Energiestoß in Form einer leichten elektrischen Entladung ab. Dann begannen die Qualen. Unter Zuckungen stieß der junge Jardim einen Großteil seines Körpers ab und sank dann in die tieferen Ebenen der Atmosphäre zurück. Für einen halben Sonnenumlauf dämmerte er ohne Bewusstsein, ohne einen klaren Gedanken dahin. Doch auch dieser Teil seines Lebenszyklus endete so abrupt, wie er begonnen hatte. Wild schwamm sein Körper inmitten einer gewaltigen Masse von gleichgroßen Jadrim. Sie wirbelten übereinander, untereinander, wie eine homogene Einheit, bis plötzlich fremde Wesen in ihre Mitte stießen und sie auseinander trieben. Bald schon war der junge Jadrim von den anderen getrennt und wurde ohne eine ersichtliche Gegenwehr von einem viel größeren Wesen verschlungen. Der Körperbau des Jägers ähnelte einem Jadrim, war jedoch fast viermal so groß, kreisrund und deutlich dicker. Doch beweglich war das fremde Wesen in einer Art und Weise, die der junge Jadrim nur bewundern konnte. Es umschlang ihn völlig, hüllte ihn ein, tauchte ihn in eine körpereigene Flüssigkeit und spuckte ihn schließlich wieder aus.
Noch völlig verschreckt überließ sich der junge Jadrim den Strömungen, die ihn schnell wieder in die Höhe trugen. Das fremde Wesen sackte hingegen zusammen und sank Richtung Planetenkern.
Der Jadrim konnte lange Zeit keinen klaren Gedanken fassen, bis er nach unzähligen Sonnenumläufen seine ursprüngliche Körpergröße wiedergewonnen hatte.
„Ich bin erneut da!“, dachte er beim erneuten Überfliegen der Felder des Wissens. Andere Jadrim näherten sich ihm, berührten, streichelten ihn und stießen ihn spielerisch an. Sie wechselten die Farben in einer Art, die ihn tief in seiner Seele berührte. Plötzlich verstand er die Signale. Mit Hilfe der Farbwechsel kommunizierten die anderen Jadrim mit ihm.
„Johajadrim!“, signalisierten sie ihm. „Johajadrim! Dies soll dein Name sein!“
Eine tiefe Zufriedenheit erfasste den Jadrim als er vernahm, was ihm während seines letzten Zyklus geschehen war.
„Du hast für den Erhalt unserer Art gesorgt!“, farbten die anderen Jadrim.
„Aber wie?“, entgegnete Johajadrim.
„Du hast es getan, glaub es uns! Bald wirst du aufsteigen!“, signalisierten die Jadrim.
„Aber wer seid ihr? Steigt ihr nicht auf?“
„Wir sind die Hüter des Wissens. Wir pflegen die Felder! Auf nun, Johajadrim!“
Und tatsächlich begann das Pulsieren erneut. Johajadrim krümmte seinen kreisrunden Körper, doch diesmal war es anders.
Die Nährstoffe in seinem Leib ließen ihn aufquellen; statt einen Teil seiner selbst zu verlieren, wurde er leichter, angreifbarer in der stürmischen Atmosphäre. Unverzüglich stieg er in die Höhe, wo die Luftströmungen weniger heftig waren.
Dort traf er auf andere seiner Art, die ebenfalls die Verwandlung hinter sich hatten. Sein nächster Zyklus begann und verwundert stellte er fest, dass er zu dem geheimnisvollen Jäger seines letzten Zyklus geworden war. Sein Aufstieg in die nächste Ebene war vollendet.
Wieder vergingen Tausende Sonnenumläufe. Er kommunizierte mit anderen Jadrim, lernte unzählige Namen und vergaß genauso viele. Die Umläufe vergingen sehr schnell, während Johajadrim weiter wuchs. Dann erschreckte ihn ein Ereignis bis in seinen Kern.
Johajadrim segelte durch eine leicht ionisierte Gasblase, als er plötzlich einen heftigen Schmerz an seinem Rand fühlte. Der Jadrim wand sich, verbog sich so gut er konnte, doch jemand zog ihn unerbittlich aus der Blase.
„Wer bist du? Was willst du?“, farbte Johajadrim, aber erhielt keine Antwort. Statt dessen tauchte ein merkwürdiges Wesen auf, dessen Außenhaut so starr und kalt war, dass sich Johajadrim bei der Berührung der Oberfläche zunächst verbrannte, dann einen Teil seiner eigenen Haut einbüßte. Sie klebte fest und riss ab.
Eine Öffnung klaffte auf und Johajadrim wurde in die Dunkelheit gezogen. Zum ersten Mal spürte er keine Atmosphärenwinde mehr.
Wild signalisierte er eine Frage nach der anderen, nannte seinen Namen, farbte um Erbarmen. Doch niemand antwortete. Teile wurden aus seinem Körper entfernt, er wurde geblendet, unnatürlich hohem Druck ausgesetzt und im nächsten Moment mit viel zu niedrigen Druckverhältnissen gequält.
Sein Martyrium dauerte eine unschätzbar lange Zeit. Dann gab ihn das fremde Wesen wieder frei.
Geschockt schwebte Johajadrim durch die Mesosphäre und nahm Kontakt mit seinen Mit-Jadrim auf. Doch niemand konnte von etwas Vergleichbarem berichten. Auch in den Feldern des Wissens lagerte keine Erinnerung an diesen seltsamen Feind.
Johajadrim strich durch die unzähligen Ionenspuren und ordnete die Teilchen neu an, um auch sein Erlebnis in den Feldern abzuspeichern.
Ausgehungert stürzte sich der Jadrim nach dieser Episode in die nährstoffreichen Strömungen und ersetzte die verloren gegangenen Teile seines Körpers.
Der Zyklus endete mit einem weiteren qualvollen Pulsieren. Johajadrim verlor vorübergehend die Fähigkeit zu kommunizieren, selbst sein Name wollte ihm nicht mehr einfallen. Instinktiv faltete er sich zusammen und stürzte hinab in die tieferen Regionen des Gasplaneten. Dort stieß er in die Masse von deutlich kleineren Jadrim, trieb einen Artgenossen vor sich her, bis er ihn umschlang und in einem befriedigenden Akt in sich aufnahm. Johajadrim würde sich später nicht daran erinnern können, aber mit Hilfe eines körpereigenen flüssigen Gases löste er Teile aus dem anderen Jadrim und pflanzte sie sich in seinen eigenen Körper. Er bildete die Keime für seine Nachkommen. Danach zwang ihn sein Instinkt, den Jadrim wieder frei zugeben. Nun wäre es Zeit gewesen, in die heißen Tiefen des Planeten zu sinken und die frisch gebildeten Keime dort abzulegen. Doch statt diesem Instinkt zu folgen, stieg Johajadrim schnell wieder hinauf in die höheren Ebenen.
Von den Hütern der Felder des Wissens wurde er mit kräftigen Farben empfangen.
„Ein Reisender!“, signalisierten sie. „Willkommen Johajadrim! Du wirst die Reise antreten!“
Noch etwas verwirrt kam der Jadrim zu sich, betrachtete die aufgeregten Artgenossen und fand plötzlich die Sprache wieder. Johajadrim farbte: „Was ist - die Reise - ?“
„Wir wissen es nicht!“
„Warum seid ihr so aufgeregt?“
„Nur einmal in einer Millionen Umläufe tritt ein Jadrim die Reise an. Es ist ein seltenes Ereignis und wichtig für das Überleben unserer Art.“
„Wann werde ich die Reise antreten?“, farbte Johajadrim.
„Du wirst es wissen!“, lautete die kryptische Antwort.
Dies waren die Erinnerungen Johajadrims an seine Anfangszyklen, die viel aufregender waren, als die Abermillionen Sonnenumläufe, die er danach noch erlebte. Er wuchs zu einem gewaltigen Wesen heran in fünf weiteren Zyklen, an deren Ende er jeweils aufstieg, bis er am Rande der Atmosphäre angelangt war und die vielen Sterne des Weltalls betrachten konnte.
Johajadrim fühlte sich einsam, da er als einziger seiner Art so weit gekommen war. Doch das Warten auf - die Reise - ließ ihn die Einsamkeit ertragen. Er betrachtete die Sterne, wie er den Strömungen der dünnen Atmosphäre folgte. So weit oben gab es keine nährstoffreichen Bereiche mehr, aber die Ausdauer des Jadrim bei der Nahrungssuche machte diesen Umstand wett. Er wuchs und wuchs und war nun fast einhundertmal so groß wie der Jadrim, der die Felder des Wissens bereist hatte. Schwerfällig bewegte sich sein kreisrunder Körper durch die Exosphäre. Johajadrim vermochte die Ränder kaum mehr zu heben. Er ahnte, dass sich der Zyklus dem Ende näherte, als er bei einem Umlauf ein Flackern der roten Sonne wahr nahm. Es wirkte fast wie ein Signal auf ihn. Eine Botschaft in einer fremden Sprache, die er nicht verstand. Er farbte Richtung Sonne: „Ist es soweit?“ Doch der Stern antwortete nur Unverständliches.
„Soll ich die Reise nun antreten?“
Doch statt einer Antwort begann das Pulsieren seines Körpers, das er mit Befriedigung zur Kenntnis nahm. Sein kreisrunder, durchsichtiger Leib streckte sich, ohne dass es Johajadrim die üblichen Schmerzen bereitete.
„Es ist soweit!“, dachte der Jadrim und wollte noch etwas farben, als er bemerkte, dass seine Außenhaut nicht mehr reagierte. Niemals mehr würde er Kontakt mit anderen Jadrim aufnehmen können. Die Gedankengänge Johajadrims verlangsamten sich, seine Ränder stießen ein klares Gas aus, das ihn aus der Exosphäre hob und ihn in den Weltraum trieb. Wie eine durchsichtige Scheibe entfernte er sich von seinem Heimatplaneten, angetrieben von den Sonnenwinden eines sterbenden Sterns. In seinem Innern die Keime. Die letzten seiner Art und die ersten Jadrim auf einem neuen Planeten, den Johajadrim auf seiner langen Reise finden würde.
Bericht der Explorations-Sonde OSS-XC-42:
Planet: W-3-8
Keine nennenswerten Rohstoffvorkommnisse.
Keine Anzeichen von Leben.
- Eine weitere Erforschung wird nicht empfohlen -
Ende der Auswertung