Gefangene der Stadt

 

„Ich liebe dich.“

Roberts Abbild verblasste und machte einem roten „O“ Platz, dem Logo von Overnet, das langsam rotierend kleiner wurde. Das Kontrollbild rechts unten zeigte eine verpixelte blonde Frau mit Kussmund.

„Ich dich auch“, schickte Regina in Gedanken hinterher, als sie das Armbandtelefon ausschaltete. Wie praktisch waren doch die Errungenschaften der modernen Technik. Mit der Zunge löste sie den Kaugummi von dem Zahn, an dem sie ihn vor dem Telefonat platziert hatte. Gedankenverloren schmeckte sie das Aroma von Kirsch und Pfefferminze.

„Guten Morgen, Frau Fröhlich.“ Der Zeitungsverkäufer winkte ihr zu, doch heute war ihr nicht nach Lesen. Sie hob die Augenbrauen, nickte freundlich in seine Richtung und ging weiter.

Die Morgensonne zeichnete lange Schatten auf das Pflaster der Herrengasse. Blühende Kastanien verströmten einen Duft nach Frühling, als betörenden Ausgleich, dass sie in diesem Jahr viel zu lange auf ihn gewartet hatten. Eine Amsel zwitscherte in den Zweigen. Regina trippelte vorsichtig über die Granitplatten, damit sie nicht mit ihren Riemchensandalen in die Fugen trat, wo die Überreste des Regens der vergangenen Nacht langsam auftrockneten. Menschen eilten zur Arbeit, drängelten an Regina vorbei.

„Aus dem Weg“, rief ein Mann in Hawaiihemd mit hochrotem Kopf. Die Kinderschar vor ihm spritzte auseinander. Sie gaben einen schmalen Korridor frei, durch den der Mann vorwärts stürmte. Er lief direkt auf Regina zu, die Augen starr auf den Boden vor ihm gerichtet, als wollte er nach Hindernissen oder Frostaufbrüchen Ausschau halten.

„Aufpassen!“ Hatte er sie nicht gehört? Regina wappnete sich für den Aufprall, drehte sich zur Seite und presste die Arme fest an ihr Chiffonkleidchen. Kurz vor ihr sah der Mann auf. Er runzelte die Stirn, und die ohnehin großen Augen weiteten sich. Ein Schwall von „Moschus brutal“ und Schweiß drang in ihre Nase. Mit einem Ruck bremste er seinen Lauf, tänzelte mit einer Bewegung, die sie ihm nie zugetraut hätte, um sie herum, und verschwand mit einem unverständlichen Fluch in der Menge. Typen gab es! Er kam Regina bekannt vor. Sein hektisches Auftreten rührte eine Saite in ihr, doch sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wo sie ihn einordnen sollte. War er ihr auf dem Weg zur Arbeit im Großkaufhaus aufgefallen?

Sie schüttelte den Gedanken ab, als sie auf den Hauptplatz hinaus trat. Eine grellviolette Schwebestraßenbahn näherte sich von Norden der Haltestelle, wo sie eine Ladung von Menschen wie Ameisen ausspuckte.

„Au!“ Schmerz bohrte sich von einem Zahn den Weg in ihr Gehirn. Behutsam fühlte sie mit der Zungenspitze nach dem beleidigten Backenzahn. Als sie nichts spürte, biss sie vorsichtig auf den Kaugummi. Ja, hier war es, hier tat es weh.

Sie suchte am Handy die Nummer ihres Zahnarztes heraus.

„Hier Praxis Doktor Bohr. Was kann ich für Sie tun?“ Die Sprechstundenhilfe lächelte sie an.

„Regina Fröhlich, guten Tag. Ich habe Zahnweh.“ Was sonst, Kopfweh vielleicht?

„Wo schmerzt es denn?“

„Links oben, beim Zubeißen.“

„Gut, links.“ Die Assistentin schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich habe frühestens heute Nachmittag einen Termin frei. Wie passt Ihnen 14 Uhr?“

Ob es ihr passte? Sie konnte nur hoffen, dass die Schmerzen bis dahin nicht ärger wurden. „Ja, okay.“ Sie legte auf.

Sie befühlte mit dem Zeigefinger den Stockzahn, und schalt sich im selben Moment einen Narren. Hatte sie links oben gesagt? Es war rechts oben. Regina hatte schon immer Probleme gehabt, rechts und links zu unterscheiden. Robert hatte sie beim Autofahren damit aufgezogen, indem er gefragt hatte: „Meinst du dieses rechts oder das andere?“, während er in die entsprechende Richtung gefuchtelt hatte. Sehr witzig.

Regina ertastete eine Erhebung und daneben einen kleinen Spalt, und zuckte vor Schmerz zusammen. Ein Schleier legte sich vor ihre Augen. Sie blinzelte um scharf zu stellen. Vergeblich. Abrupt blieb sie stehen. Die Menschenmenge umspülte sie. Täuschte sie sich, oder nahm der Strom ab? Jedenfalls wuselten keine Kinder mehr zwischen den Berufstätigen hin und her. Wolkenbänke türmten sich am Himmel auf. Die Sonne fand keinen Weg mehr durch das wattierte Grau, und selbst die Menschen wirkten nicht mehr so bunt wie vor ein paar Minuten. Aus tief liegenden Augen starrten sie an Regina vorbei. Sie beachteten die Auslagen der Geschäfte noch weniger als sie es in ihrer Eile bisher getan hatten. Warum auch? Regina fiel auf, dass mit den Schaufenstern etwas passiert sein musste. Statt der neuen Sommerkollektion fand sie ökobewusste Pullover in Erdfarben. An die Stelle von hochmoderner Unterhaltungselektronik waren verstaubte Fernsehapparate mit dicken Glubschaugen getreten. Welche Geschäfte hatten sich hier am Hauptplatz angesiedelt?

Aus einem unerklärlichen Impuls drehte Regina sich um, blickte die Herrengasse, durch die sie gekommen war, hinunter. Die Wolken verdichteten sich. Sie ballten sich zu jener einförmigen dunklen Masse, aus der es jeden Moment regnen konnte. Ein Blitz durchschnitt die Schwärze der Herrengasse und ließ die Fenster hell aufleuchten. Die Neonreklamen einzelner Geschäfte gingen an und tauchten die Gasse in Streifen von blau und rot. Der Donner schreckte sie auf. Sie beeilte sich, zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen, denn das Unwetter würde ihr schönes Kleid durchnässen.

Die goldenen Türflügel des Kaufhauses streckten sich ihr zur Begrüßung entgegen. Kolleginnen und Kollegen, die am Eingang gewartet hatten, dass sie der Hauswart um neun Uhr einlassen würde, drehten sich zu ihr um. Erste schwere Tropfen zeichneten beige Kreise auf den Gehsteig aus Marmorplatten. Kurz vor dem Eingang stolperte sie. Sie fing ihren Fall mit den Händen auf, konnte aber nicht verhindern, dass sie zur Seite fiel. Ihre Zähne schlugen fest zusammen. Ein Stromstoß jagte durch ihren Körper, dass sie keuchte. Die Zahnplombe flog in hohem Bogen über den Gehsteig, traf mit einem metallischen Klang auf, und sprang wie ein Gummiball hoch. Regina verfolgte gebannt die Bahn ihrer Zahnfüllung, unfähig zu jedweder Bewegung. Mit jedem „Plink“ nahm die Flughöhe der Plombe weiter ab, bis sie schließlich wie in Zeitlupe über die Gehsteigkante rollte und im Abflussgitter verschwand.

Als Regina sich aufrappelte, bemerkte sie, dass ihre Kollegen verschwunden waren. Keiner starrte sie an oder fragte sie, was passiert war. Sie wusste es ja nicht einmal selbst. Aber auch die goldenen Türen waren einem Loch in einer Mauer gewichen. Tief in den Eingeweiden des Hauses brannte eine einsame Neonlampe. Nur das Hausnummernschild neben dem Eingang zeigte Regina, dass sie an der richtigen Adresse war. Eine runzlige Alte verschwand gebeugt im Hauseingang auf der gegenüberliegenden Straßenseite, aus dem ein tiefes Wummern drang.

Der Marmorboden hatte einem grobkörnigen Asphalt Platz gemacht, schwarz gesprenkelt vom einsetzenden Regen. Auf der Straße war niemand mehr unterwegs, nur in der Ferne, am anderen Ende der Herrengasse, lehnte eine dickbäuchige Gestalt an der Hauswand. Ein Lichtstrahl, der aus einem der Häuser oder aus einer Seitengasse kam, tastete nach dem Unbekannten. Der Strahl erfasste die Gestalt, die in der leeren Gasse keine Deckung gefunden hatte. War das ein Hawaiihemd? Der Mann duckte sich, als der Urheber des Suchscheinwerfers, ein dunkelblaues Gyroplane, vor ihm zu Boden sank. Was weiter geschah, konnte Regina nicht sehen, da das Gyroplane die Szenerie verdeckte. Als es abhob, war der Platz an der Hausmauer leer.

Regina kam zitternd auf die Beine. Anstelle ihres Kleidchens hing ein Umhang aus grober Jute über ihre Schultern. Als sie auf ihre Füße hinab sah, war ihr klar, warum sie gestolpert war: statt der zierlichen Sandalen trug sie unförmige Galoschen mit ausgetretenen Absätzen. Was war hier los? Möglichst unauffällig, um den Männern im Gyroplane keinen Anlass zu geben, stapfte sie durch das Loch ins Innere des – sollte sie sagen „ehemaligen“? – Kaufhauses. Hier roch es nicht mehr nach den edelsten Parfums dieser Welt, sondern nach verrottendem Abfall. Hier hingen keine Designerklamotten für die Yuppies dieser Stadt, hier stapelten sich stinkende Hosen und sackförmige Tuniken aus weitmaschigem Gewebe.

Sie ging auf das Neonlicht zu, das im Hintergrund der Halle einsam baumelte. Es hing über einem grob gezimmerten Tisch, wo es ein Auftragsbuch und einen Bleistift aus dem Dunkel riss. Regina blätterte in dem Buch: vier Hosen hier, ein Umhang dort. Früher einmal, eigentlich erst gestern, war dies der Wareneingang gewesen. Lastenschrauber und chromblitzende Gyroplanes hatten jeden erdenklichen Luxus für die Städter hier abgeladen, Mode, Sportartikel, Porzellan. Nichts war davon übrig.

Regina schaute sich um. An der Wand, wo die Umrisse der Lampe einen scharfen Trennstrich zwischen hell und dunkel zeichnete, hing ein vergilbtes Stück Papier neben einem Schrank mit fast blinden Glastüren. Sie musste näher hingehen, um den Text lesen zu können.

„Warnung vor dem Overnet“, stand da in fetten Lettern auf dem Flugblatt. Was? „Datenschutzexperten warnen vor einer Bedrohung von Bevölkerung und Wirtschaft durch das Overnet. Die Arbeitsgruppe ‚Kritische Informatiker gegen staatliche Infrastrukturen’ (Krisis) ist nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins ‚Die neue Zeit’ zum Schluss gekommen, dass die technischen Aussichten möglicherweise eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Neben gezielten Angriffen durch Terroristen auf das Netzwerk kann eine massive Manipulation durch staatliche Organe nicht ausgeschlossen werden. Krisis empfiehlt den Bürgern, bei der Volksbefragung zu Overnet mit ‚Nein’ zu stimmen.“

Reginas Magen krampfte zu einem Klumpen zusammen. Sie wich von der Wand zurück, als sähe sie ein Gespenst. Ihr Blick fiel auf die Glastür. Durch die Spinnweben und einen schmierigen Schmutzfilm hindurch sah sie ihr Spiegelbild: eine bucklige Alte mit zotteligen grauen Haaren und Falten wie zerknittertes Stanniolpapier.

‚Ich liebe dich’, hatte Robert gesagt. Jetzt war sich Regina nicht mehr sicher. Gab es Robert überhaupt? Sie starrte auf den dunklen Bildschirm des Armbandtelefons. Unschlüssig schwebte ihr Zeigefinger über dem Aktivierungsknopf.

Kräftige Hände umfassten sie von hinten und rissen sie zu Boden. Regina stieß einen spitzen Schrei aus. Ein Uniformierter mit einer Art Sonnenbrille sprang auf sie, drückte ihre Arme mit seinen Knien nieder, und presste ihre Wangen wie ein Schraubstock zusammen. Sie konnte nicht anders, als den Mund weit aufzumachen. In dem Moment schob ihr ein zweiter Polizist seine Finger in den Mund. Sie spürte erst etwas Metallisches, dann einen stechenden Schmerz, und schließlich nur mehr die Kühle des Marmorfußbodens durch ihr Chiffonkleid.

 

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