ACTIVITY

Presseartikel vom 14. August:

 

»Die Zukunft der Bewegung heißt Activity.

Noch ist das Produkt nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und bisher existiert auch nur die Alpha-Version, aber die Erfinder sind überzeugt, dass Activity ein Verkaufsschlager werden wird.

Selbstverständlich wird es bei der Markteinführung erst einmal behördliche Probleme geben. Obgleich Activity ein Nebenprodukt der medizinischen Forschung ist, vermuten Kritiker ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko. Das Programm verfügt nach Ansicht von Experten über ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential. Die Anwender werden zu Höchstleistungen beflügelt, die gemeinhin nur als übermenschlich bezeichnet werden können. Jeder bis dato bekannte Marathonläufer, Radrennfahrer, Fußballspieler oder sonstige Sportler rückt im direkten Vergleich zu einem Activity-Nutzer in die Amateurliga zurück. Das Geniale daran ist, dass Activity von jedermann angewendet werden kann - selbst von den unsportlichsten Leuten. Jeder wird schon bei der ersten Nutzung zum Athlet und schafft bis dahin Unvorstellbares.

Auch wenn das Gesundheitsministerium diesbezüglich Bedenken anmelden wird, Activity wird sich nicht aufhalten lassen. Dies bestätigt die täglich steigende Zahl illegaler Kopien, welche die Hersteller eigens zu Marktforschungszwecken verbreitet haben. Selbstverständlich handelt es sich um eine abgespeckte Version, genauer gesagt um den so genannten Run- oder Lauf-Modus (Marketingstrategen arbeiten noch an der endgültigen Bezeichnung).

Die nötige Ausrüstung, um Activity am eigenen Körper erfahren zu können, kann man sich für einen geradezu läppischen Betrag in jedem gutsortierten Elektromarkt zusammenstellen.

Der Produktname Activity vereint die beiden Begriffe Aktivität und Vitalität. So wird es auch später auf der Verpackung stehen. Ersten Umfragen zufolge soll diese Produktbezeichnung den Verkauf erst recht in die Höhe treiben. Wie die Mehrzahl der Bundesbürger reagieren die Befragten durchwegs positiv auf Anglizismen und so erreicht die Bezeichnung Activity derzeit eine Zustimmung von 87,8 Prozent, während deutschsprachige Alternativen deutlich ins Hinterfeld geraten.«

 

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Erik M. bekam die Alpha-Version vor einigen Wochen von einem Freund zugesteckt. Dadurch veränderte sich Eriks Leben von Grund auf.

Am deutlichsten machte sich dies bei seiner Arbeit bemerkbar. Bisher hatte Erik seinen Job als Postzusteller gehasst. Meldungen, dass das Internet mit Email, virtuellen Grußkarten und Online-Banking den herkömmlichen Postweg in absehbarer Zeit überflüssig machen werden würde, hatten ihn in seiner Hoffnung auf eine frühzeitige Pension bestärkt. Aber zu Eriks Leidwesen ging diese Entwicklung keineswegs so rasant vonstatten wie die Medien ihm Glauben machen wollten. Dank Activity war Erik nun froh und glücklich darüber.

Die weitere Benutzung des Dienstwagens lehnte er gleich nach der ersten Anwendung ab. Auch das Fahrrad, das man ihm alternativ dazu anbot, wollte er nicht. Fortan ging Erik zu Fuß. Wer jetzt jedoch glauben mochte, Erik hätte deswegen weniger Post als vorher zustellen können, der irrte gewaltig. Was bisher in den Kofferraum seines gelben VW Golf gepasst hatte, fand nun in einem Rucksack und zwei Umhängetaschen Platz. Das Erstaunlichste daran war, dass Erik für seine übliche Tour nun weniger Zeit benötigte als bisher mit dem Auto. In der ersten Woche waren es noch sieben Minuten, in der zweiten schon zehn und ab der dritten Woche steigerte er sich auf nahezu fünfundvierzig Minuten Zeitersparnis, die er nach Feierabend für das Training auf seinen ersten Marathonlauf verwendete.

Schon bald stand für Erik fest: Activity macht Unmögliches möglich. Aufzüge waren für ihn passé. Selbst vierzehn Stockwerke, zwei Stufen auf einmal nehmend, konnten ihn nicht mehr außer Atem bringen. Ja, seine Poren vergossen nicht mal einen Tropfen Schweiß. Worte wie Müdigkeit oder Erschöpfung waren aus Eriks Wortschatz gewichen und mussten Platz machen für Begriffe wie Leistungssteigerung und die allabendliche Frage, ob dies schon alles gewesen sei, wozu er in der Lage war.

Der menschlichen Natur entsprechend wollte Erik schon sehr bald mehr. Vor allem aber wollte er seine neu abgesteckten Grenzen erfahren. Irgendwann musste doch auch Activity das Ende seiner Möglichkeiten erreichen.

 

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Es war am Montagmorgen der fünften Woche als Erik seine große Chance sah, diese bis dahin unbekannte Größe in Erfahrung zu bringen. Wegen einer Sommergrippe war Eriks Kollege Manfred K. ausgefallen. Sofort erklärte sich Erik bereit, Manfreds Sektor zusätzlich zu übernehmen. Sein Vorgesetzter lehnte zunächst ab. Diese Arbeit könne nicht einmal ein Wunderknabe wie Erik bewältigen, meinte er. Letztlich blieb ihm aber nichts anderes übrig als dem Vorschlag zuzustimmen. Die aktuelle Personallage der Post und ein Stapel eiliger Einschreiben zwangen ihn zu dieser Entscheidung.

So machte sich Erik mit einem noch größeren Rucksack und vier Umhängetaschen auf den Weg. Manfreds Bezirk umfasste den Stadtteil mit der höchsten Arbeitslosenquote und war, wie Erik schnell erkannte, ein wahres Paradies für Räumungsklagen, Gerichtsvorladungen und Pfändungsbescheide, die allesamt am selben Tag noch vor 9:00 Uhr zugestellt werden mussten. Ungeachtet der menschlichen Dramen, die sich hinter den Briefen in den hellblauen Kuverts vermuten ließen, war Erik selig. Bereits um 8:42 Uhr hatte er das Letzte dieser Schreiben seinem Empfänger ausgehändigt.

Überhaupt fing Erik nun an, seinen Kollegen zu beneiden. In seinem eigenen Sektor gab es nicht annähernd so viele Bezieher von Versandhauskatalogen – und diese Kataloge waren herrlich schwer. Dies stand zwar in deutlichem Widerspruch zur hohen Arbeitslosigkeit in Manfreds Viertel, dachte er bei sich, doch bekanntlich starb die Hoffnung zuletzt. Welchen Wert hatte schon ein Leben ohne bunte Illusion?

Einen Nachteil barg die Katalogauslieferung dennoch in sich: Aufgrund ihrer sperrigen Größe musste Erik sie in der Regel persönlich zustellen. Nach dem neuen Serviceverständnis der Deutschen Post AG durfte man Kataloge nur noch in Ausnahmefällen vor der Haustür ablegen. Dadurch nahmen sie deutlich mehr Zeit in Anspruch, aber Erik verstand es, das Warten zwischen dem Drücken der Türklingel und der Aushändigung zu überbrücken, indem er auf der Stelle trabte. Die Blicke, die er sich deswegen einfing, ignorierte er.

Doch Kataloge hin oder her, noch immer vergoss Erik keinen einzigen Tropfen Schweiß. Dabei hatte der Wetterdienst Recht behalten und die Temperatur erreichte gegen Mittag die vorhergesagten 35 Grad. Hauswände und Asphalt reflektierten die Hitze wie ein gewaltiger Backofen aus Beton und über den Wolkenkratzern bildete sich eine graue Smogwolke. Trotzdem, Erik blieb frisch wie an einem Frühlingsmorgen auf dem Lande. Also beschleunigte er seine eigene Tour und am Ende hatte er seinen bisherigen Rekord mit 93 Minuten Zeitersparnis erreicht.

Dennoch war er keineswegs glücklich darüber. Im Gegenteil, nun machten sich erste Anzeichen einer Depression bei ihm bemerkbar. Unbegrenzte Leistungsfähigkeit war auf die Dauer langweilig. Die anfängliche Euphorie, nun das Leben eines Supermannes zu führen, wich immer mehr dem Verlangen nach neuen Herausforderungen.

Nach Feierabend hetzte er zurück in seine Wohnung, zog seine dicksten Winterklamotten an und lief einen doppelten Marathon. Wieder zuhause untersuchte er seinen Körper. Diesmal wurde er fündig. In seiner linken Achselhöhle entdeckte er zwei Schweißperlen. Mit einem zufriedenen Grinsen joggte er auf der Stelle und verfolgte das Nachtprogramm bis er am nächsten Morgen wieder zur Arbeit rannte.

Dort erwartete ihn eine Überraschung, die ihm wie die Erhörung seiner Gebete erschien. Die Sommergrippe erwies sich als überaus hartnäckig und nun war ihr auch Kollege Rainer Z. zum Opfer gefallen. Aller Besorgnis seines Vorgesetzten zum Trotz verließ Erik kurz darauf die Verteilerstelle mit zwei Rucksäcken und sechs Umhängetaschen. Dies schränkte seine Bewegungen zwar deutlich ein, war aber gleichzeitig eine reelle Chance sich den Grenzbereichen von Activity zu nähern.

Erik legte sich ins Zeug und bereits drei Stunden später war Manfreds Sektor mit Post versorgt. Nach weiteren zweieinhalb Stunden hatte er den letzten von Rainers Briefen eingeworfen. Rainers Kunden bezogen kaum Kataloge und auch die amtlichen Schreiben mit Zustelltermin fielen spärlich aus. Erik fragte sich, ob Rainer noch lange seinen Arbeitsplatz halten konnte, wenn Activity erst einmal auf dem allgemeinen Markt erhältlich war.

Den ganzen Vormittag über lief Erik im wortwörtlichen Sinne auf Hochtouren. Er steigerte sich immer mehr und um 11:57 Uhr hatte er alle drei Touren hinter sich gebracht. Ein Vergleich: In der Zeit vor Activity hatte er mittags gerade die Hälfte seiner eigenen Runde erledigt – im Auto, wohlgemerkt.

 

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Der letzte Brief an diesem Tag war ein Einschreiben für einen gewissen Herrn F. in der Luisenstraße 19, neunter Stock.

Wie immer verzichtete Erik auf den Fahrstuhl und nahm nun drei Stufen auf einmal. Während er wie ein Flamencotänzer auf der Stelle steppte und bei Herrn F. läutete, beschloss er, den heutigen Nachmittag mit einem dreifachen Marathonlauf zuzubringen. Dann öffnete Herr F. und besah sich den trabenden Erik mit dem inzwischen schon vertrauten Ausdruck des Unverständnisses.

»Einschreiben für Sie«, sagte Erik, ohne auch nur ein bisschen außer Atem zu sein. »Wenn Sie den Empfang bitte bestätigen wür...«

Er stockte. Irgendetwas geschah mit seinen Augen. Der verdutzte Herr F., ja, der gesamte Flur verfärbte sich zuerst grün, dann violett und schließlich feuerrot. Dann brach das Bild in sich zusammen. Alles was blieb, war ein durchdringendes Blau, das Eriks gesamtes Gesichtsfeld einnahm. Das Letzte, was Erik sah, war eine weiße blinkende Schrift:

Schwerer Ausnahmefehler. Bitte wenden Sie sich an Ihren Macrosoft-Systemadministrator.

Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

 

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»Das ist doch nicht zu fassen, oder?«, sagte Polizeihauptmeister Klein.

Sein Kollege Schneider runzelte die Stirn und starrte auf den Teppichboden, der über und über mit leeren Schokoriegelpackungen und ausgetrunkenen Cola-Flaschen bedeckt war. Dann hob er den Kopf und betrachtete den Toten, der mit dem Rücken zu ihnen an einem Tisch saß. Der Mann war derart fett, dass der Hocker unter ihm wie ein Kindersitz aussah. Zu beiden Seiten neben ihm erhoben sich leere Pizzapackungen wie die Pappmodelle von Hochhäusern.

»Was schätzen Sie?«, fragte Schneider. »Hundertfünfzig Kilo?«

»Hm, eher zweihundert«, entgegnete Klein. »Wie kann man sich nur so gehen lassen?«

Er ging zu dem Toten und entdeckte den Computer hinter dem Rechten der Pizzaschachteltürme. Das Gerät lief noch. Vorsichtig nahm Klein die Monitorbrille vom Gesicht des Toten, zögerte einen Moment und setzte sie schließlich selbst auf.

Nun stand ein Mann vor ihm in einer Haustür. Das Klingelschild wies ihn als Herrn F. aus. Er hielt Klein eine Quittung entgegen und sah verärgert drein.

»Nehmen Sie das verdammte Ding jetzt an oder nicht?«, fragte er.

Zu Füßen des Mannes war ein Schriftzug zu lesen:

Recovery-Modus erfolgreich. Drücken Sie die F3-Taste um das Programm fortzusetzen.

Klein nahm die Brille wieder ab.

»Wie ich’s mir gedacht habe«, sagte er finster. »Activity. Das ist nun schon der sechste Tote in dieser Woche und der fetteste obendrein.«

Schneider schüttelte den Kopf. »Und dabei haben wir erst Mittwoch.«

 

ENDE